Wo der Adler kreist, Gebetsfahnen wehen und Yaks weiden

Wie ein Städter einen ungewöhnlichen Traum verwirklicht

Von Bernhard van Dierendonk

»Bergbauer D. W. aus E. setzt neue Maßstäbe in der schweizerischen Landwirtschaftspolitik«, ließ er neulich in einer großen Zeitung verlauten.
D. W, das ist das Kürzel für Daniel Wismer, aufgewachsen in einer Kleinstadt am Zugersee, heute Bergbauer und Yakzüchter auf 1600 Metern über dem Meer, direkt unter der Roten Fluh. E., das ist Embd (1420 m), das nächste Dorf, ein kleiner Ort mit ass Einwohnern und alten Häusern mit silbernen Granitdächern.
Als Daniel Wismer vor 33 Jahren auf die Welt kam, deutete wohl kaum etwas auf den ungewöhnlichen Lebensverlauf des Neugeborenen. Seine Eltern starben früh, kaum hatte er die Lehre beendet, ging er auf Reisen, bis er 1987 im Himalayagebiet auf 3500 Metern über dem Meer erkrankte. In der Schwebe zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten hatte der Fiebernde eine Vision: Er sah eine kleine Felswand, einen lichten Wald und davor einen Bauernhof. Dort wollte er Yaks züchten.

Vor drei Jahren hat Daniel Wismer, der überzeugt ist, in einem früheren Leben ein Tibeter gewesen zu sein, nach hartnäckiger Suche seinen Platzgefunden. Die Rotfluh oder »Roti Flüo«, wie die Einheimischen den Flecken ob Embd im Kanton Wallis nennen, beheimatet heute 27 genügsame asiatische Hochlandrinder und dies ist erst der Anfang.

Es war immer mein Kindheitstraum, Bauer zu werden, sagt Daniel Wismer, doch ich hatte keinen Hof, den ich erben und weiterführen konnte. Ich war noch nicht volljährig, als meine Eltern kurz nacheinander starben mit fünfzehn war ich Vollwaise.
Nach einer Lehre als Forstwart in der Holzkorporation Zug und der Rekrutenschule nahm ich meine Waisenrente und ging. Jahrelang war ich auf der Reise, unterwegs, insgesamt besuchte ich dreißig Länder, und immer weiter entfernte ich mich von der Heimat. Als ich schließlich im Jemen ankam, riet mir ein alter Italiener dringend, nie wieder in die Schweiz zurückzukehren, dort würde es mir schlechtgehen, meinte er. Ich reiste also weiter.
Besonders gut gefallen hat es mir im Nordjemen. Den Koran mußt du nicht auswendig lernen, sondern im Herzen tragen, das habe ich dort begriffen Allah der Allmächtige sei gepriesen. Ergriffen war ich auch von den Steinzeitmenschen in WestNeuguinea, das kam mir echt gut rein. Und im Tibet schwebte ich ständig mindestens einen halben Meter über dem Boden, so wohl fühlte ich mich dort. Im ganzen Himalayagebiet begegnete ich immer wieder den Yaks, von diesen urtümlichen, dichtbehaarten Hochgebirgsrindern hängt das Leben in den Bergdörfern Nepals und Tibets zu einem großen Teil ab.
Als ich eines Tages vor einer Yakherde in Tibet stand, da wußte ich plötzlich: das war's. »Ich werde Yaks züchten, und zwar zu Hause in den Schweizer Alpen«, sagte ich zu meinem Reisegefährten. Er konnte mit meinen Träumereien nicht viel anfangen, das sei doch unrealistisch, meinte er.
Dann kam der Tag, an dem ich mich unendlich schwach fühlte, meine Augen färbten sich gelb Hepatitis A auf 3500 Metern über dem Meer! Es war fürchterlich, ich dachte, ich sei am Ende. Man riet mir, sofort ins Tal abzusteigen. Das tat ich dann auch. Nach einer Wanderung von zwei Tage erreichte ich endlich die Niederungen. Das war 1988.
Ich war so mitgenommen, daß ich die meiste Zeit schlief oder vor mich hindämmerte, und während ich so auf dem Bett lag, erschien mir immer wieder eine Vision: Die Vision von einer kleinen Felswand, einem lichten Wald und einem Bauernhof. Entgegen dem Ratschlag des Italieners kehrte ich, kaum konnte ich wieder gehen, in die Heimat zurück. So hatte mir die Krankheit den Weg gewiesen.
Nach meiner Genesung begann ich zu arbeiten, zuerst bei einem Landwirt, als selbständig erwerbender Allrounder, abends war ich DJ und spielte Dance Floor und New Wave in einer Disco, aber den Traum vom eigenen Betrieb mit Yaks behielt ich immer in Erinnerung. Ich streifte oft durch die Berge, frühmorgens heftete ich meinem Chef einen Zettel an die Tür mit den Worten: »Ich bin in den Bergen. Bis bald.« Sieben Jahre suchte ich erfolglos. Als DJ wußte ich: Das Ziel ist erst erreicht, wenn bei meinem Equalizer nicht nur zwei, drei, sondern alle zehn Lampen rot aufleuchten, erst dann ist das Ziel erreicht.
Wieder einmal lockte ein Inserat: »Günstig zu verkaufen: Bauernhof oberhalb von Embd, Wallis.« Wieder einmal hängte ich den Zettel an die Türe meines Chefs und fuhr nach Embd.
Der Mann aus dem Kommandoraum der Seilbahn-Bergstation Kalpetran erklärte mir den Weg. Die »Roti Flüo« sei leicht zu finden, sagte er: »Direkt nach der Lawinenschutzmauer überquerst du eine kleine Brücke und folgst dem steilen Pfad an dem großen, neuen Holzkreuz vorbei. Dann geht es steil weiter bis zu der kleinen Kapelle, die gerade renoviert wird, flach zweigt ein Pfad nach links ab, führt unter den Felsen hindurch und gewinnt im Lärchenwald mit etlichen, steilen Serpentinen an Höhe, die Roti Flüo kannst du dann nicht mehr verfehlen bei genauem Hinsehen siehst du das Heimetli sogar vom Dorf aus.« Nach einer halbstündigen Wanderung stand ich vor dem Hof, dahinter ein lichter Wald vor hohen Felsen. Majestätisch kreiste ein Adler über dem Gehöft alle zehn Lampen meines inneren Equalizers leuchteten rot!
Adler seien, so erzählte mir später ein Rimpoche, nach der Überzeugung der alten Weisen stets ein gutes Omen; Rimpoches sind besondere tibetische Geistliche. Kurz entschlossen verkaufte ich also die Erbwohnung, um mit dem Geld das Gut und zwei Hektar Land zu erstehen. Ich fand, es sei ideal für ein schamanistisches Leben, archetypisch: eine Kuh, ein Garten und meditieren.
Doch so beschaulich, wie sich das anhört, kam es nicht. Vor meiner Ausreise nach Indien hatte mir ein Beamter erklärt: »Young men have to work before they pray« das sollte mein neuer Leitspruch werden. Ich kam auf meine ursprüngliche Idee zurück und begann, Yaks aus Deutschland zu importieren, ein Tier nach dem anderen, ich pachtete immer mehr Land zu meinen zwei Hektaren dazu. Es gab viel zu tun: Ich schnitt einen Teil des Grases für Heu und trug es auf dem Rücken in den Heuschopf, ich befreite die verwahrlosten Wiesen vom Gebüsch und fällte dünne, gerade Baumstämme, sie dienten als Masten für die buddhistischen Gebetsfahnen, die ich aufhängte. Schließlich begann ich, eines der drei kleinen Häuser für zukünftige Gäste zu renovieren.
Die harte, anspruchsvolle Arbeit zog mich ins irdische Leben zurück. Ich schlief so tief, daß die Träume der vergangenen Nacht am Morgen vergessen waren, und selbst die vegetarische Ernährung gab ich auf, da es mir sonst an Biß für die schwere, körperliche Arbeit gefehlt hätte. Die Steuerrechnung und die Aufforderung zur Nachzahlung der AHV der Alters und Hinterlassenenvorsorge haben mir viel Ärger gemacht. Ich mußte weitere Schulden machen und habe wegen dem Streß und weil ich unter Druck stand sogar für eine gewisse Zeit wieder mit dem Rauchen angefangen.

Vier Jahre später gehört der großgewachsene und breitschultrige 33jährige mit dem Stoppelbart und den zu einem Pferdeschwanz gebundenen langen Haaren schon fast zum Dorfbild von Embd. Die junge Frau aus dem Dorfladen schildert den Zugezogenen abwechselnd schmunzelnd, dann wieder ernst: »Der Daniel ist ein Charmeur und ein Urchiger zugleich, ganz sicher aber ist er ein leidenschaftlicher Bauer. «
Tatsächlich sind die Yaks eine Sensation nicht nur für das Dorf, sie stoßen weitherum auf Interesse. Daniel Wismers oft stammtischreife Sprüche oder die weltgewandten, philosophischen Ausführungen machen ihn zum dankbaren Interviewpartner. Mittlerweile spricht man sogar im Embdner Gemeindebüchlein mit kaum verhehltem Stolz von »unserem Yakbetrieb«. Daß dies im Bergdorf, wo vor allem traditionelle Landwirtschaft betrieben wird, eine große Anerkennung bedeutet, ist Daniel Wismer bewußt. Der Gemeindepräsident schätzt es, daß die lange verwaiste »Roti Flüo« wieder belebt ist. Und wirklich ist seit dem bescheidenen Anfang dort oben einiges passiert: Der Betrieb ist auf 20 Hektar bewirtschaftetes Land und 27 Stück Vieh angewachsen; für das 350 Seelen zählende Dorf ist »der Wismer Daniel« ein Großbauer. Und einige Dri die tibetische Bezeichnung für Yakkuh sind bereits wieder trächtig.

Täglich um halb acht in der Früh ist Kontrollgang bei den Yaks, berichtet Wismer, ich nehme immer einen Sack altes Brot mit. Schon von weit her höre ich das helle Glockengeläute und die trockenen Hustlaute, die richtig prähistorisch anmuten. Kaum bin ich auf der Weide angekommen, umringen mich die zottigen Tiere, sie betteln um Streicheleinheiten und um das Brot, das für sie ein Leckerbissen ist. Dawa und Kelsang, die beiden Kälber, rennen aufgeregt wie kleine Kitze die steile Weide hinab und hinauf, während Khampa, der edle und wuchtige Bulle, das aufgeregte Treiben seiner Herde überwacht.
Exotische Tiere wie meine Yaks oder auch Schottische Hochlandrinder, Lamas, Strauße oder Bisons sehen ich und andere experimentierfreudige Landwirte als Chance für die Landwirtschaft in der Schweiz. Eigentlich wäre ja ein Ort wie die »Roti Flüo« dazu prädestiniert, einheimische, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen zu züchten. Zuerst habe ich auch damit geliebäugelt, als ich dann aber die Yaks kaufen konnte, da stellte sich für mich die Frage nach einheimischen Tieren nicht mehr. Die Einfuhr sogenannter Exoten finde ich so lange legitim, wie sich die Tiere ohne Mehraufwand wohl fühlen und dem Ökosystem keinen Schaden zufügen.
Für einen Betrieb, wie ich ihn mir vorstelle, sind Yaks das einzig Richtige. Sie haben sehr viele Vorteile. So benötigen sie eine bescheidene Infrastruktur und erfordern wenig Arbeit. Yaks klettern wie Ziegen und sind so genügsam, daß Nachbarn anfragen, ob ich die Tiere nicht auf ihre abgefressenen Schafweiden treiben wolle. Denn sie verschmähen nicht einmal die Grashalme, die sogar Schafe, die sehr gründlich sind, stehenlassen. So ersparen sich die Bauernkollegen das Wiesenputzen, wie das Mähen der Grasreste genannt wird. Da Yaks ihren Kot sehr regelmäßig verteilt fallen lassen, müssen nach dem Weidegang nur noch die gröbsten Haufen mit der Mistgabel verteilt werden, und schon ist die Weide gedüngt. Die Tiere sind halb so schwer wie Kühe und beschädigen mit ihren kleinen Hufen die Grasnarbe kaum. Selbst im Winter fällt das Einstallen weg. Mit ihrer dicken, kuschelweichen Unterwolle und den langen Bauchhaaren sind sie vor Kälte und Schnee hervorragend geschützt. Sie begnügen sich mit dem Heu, das für sie in Unterständen bereitsteht, oder scharren das spärliche Gras unter der Schneedecke hervor. Die einzige Gefahr für sie sind Lawinen nach ergiebigen Neuschneefällen.
Doch die Yaks erfüllen natürlich nicht nur den Zweck von geländegängigen Rasenmähern. Einnahmen erhoffe ich mir zudem von der Zucht, sie ist im Moment ein lukratives Geschäft. Wegen der BSESeuche dürfen vorläufig keine erwachsenen Rindviecher mehr in die Schweiz eingeführt werden, das heißt weder normale Milchkühe, Yaks, schottische Hochlandrinder noch Bisons. Die Nachfrage nach einer schweizerischen Zucht ist deshalb enorm gestiegen. Da es in der Schweiz nur insgesamt So Yaks gibt, könnte ich im Nu alle Jungtiere verkaufen. In Zukunft will ich auch Wolle, Fleisch oder Milchprodukte anbieten. Zuerst müssen sich die scheuen und unberechenbaren Tiere aber an das Melken gewöhnen. Die Dressur ist sehr schwierig und will gelernt sein, dafür gastierte ein Sherpa, der eigens aus Nepal gekommen ist, für einige Wochen hier auf der »Roti Flüo«. Faszinierend war es, wie ruhig dieser Mann mit den Tieren umging, und stets hat er dabei leise und fein gesungen. Seither haben die Tiere auch zu mir viel mehr Vertrauen. Wenn alles gutgeht und sie noch zutraulicher werden, wandere ich bald zum ersten Mal mit Gästen und einer Yakkarawane über den Augstbordpaß ins benachbarte Turtmanntal. Yaktrekking wird ein Hit, da bin ich mir sicher.
Himalayaglanzfasane, tibetische Zeisige, ein tibetischer Hirtenhund, das frisch renovierte »Yakstübli« oder kleine Gebetsfähnchen als Tischdekorationen der neuerstellten Gartenwirtschaft so stelle ich mir die Zukunft auf der Rotfluh vor. Zusammen mit dem buddhistischen Kloster in Rikon im Kanton Zürich will ich einen buddhistischen Pilgerpfadich nenne es einen Vitaparcours für den Geist erstellen. Selbstverständlich darf der farbenfrohe Buddha auf dem Felsen hinter dem Gehöft nicht fehlen. Ob das vielleicht doch zu kitschig oder zu aufdringlich wirkt, ich hoffe es nicht.
Meine Gefühle für das asiatische Hochland und seine Menschen sind tief und echt. Wenn ich mit Tibetern zusammen bin, fühle ich mich stets unter meinesgleichen. Vermutlich war ich in meinem vorhergehenden Leben selbst Tibeter, der Geist von damals flackert immer wieder auf: Schon als Jugendlicher, als ich von Tibet noch keine Ahnung hatte, zündete ich auf einem Berggipfel Räucherstäbchen an daß das ein geläufiger Brauch dort oben in Tibet ist, habe ich erst später festgestellt. Daß buddhistische Mönche meinen Hof mit einer Zeremonie einweihten, ist für mich darum genauso selbstverständlich wie das Aufhängen der Gebetsfahnen. Vielleicht mutet es seltsam an, aber Buddhist bin ich, bei aller Nähe zu dieser Kultur, trotzdem nicht. Damals in Nepal wollte ich das Totenbuch auswendig lernen, ich war überzeugt, daß ich diese Riten und Anrufungen beherrschen müsse, wenn meine Stunde einmal schlägt. Doch die Götter in diesem Buch waren mir so fremd, daß ich bald merkte, das ist nicht meine Welt. Jesus, nicht die Kirche, ist mir zum Beispiel viel näher. Er erschien mir in einer Vision und gab mir bei meiner Gelbsucht die Kraft für die lange Wanderung zurück in die Zivilisation, ich hatte aber auch schon Träume, in denen mir ein indianischer Chief oder der Dalai Lama erschienen sind.
Obwohl das Spirituelle in meinem Leben eine große Rolle spielt, möchte ich nicht als Einsiedler leben. Deshalb erzählte ich einem Journalisten im Frühjahr 1997 von meinem Wunsch nach einer Lebensgefährtin, der Artikel war bestimmt das längste Partnerschaftsinserat, das es je gab. Die Reaktionen waren überwältigend, über Monate besuchte mich mindestens eine Frau pro Woche. Sie waren zwar alle ganz nett, doch mit den Schweizerinnen scheint es nicht richtig zu klappen, ich vermute, daß eine Tibeterin oder eine Indianerin meine Auffassung von einer Aufgabenteilung zwischen Haus und Hof eher teilt.

Mitte des letzten Jahrhunderts beschäftigte die Landwirtschaft zwei Drittel der Bevölkerung, heute sind es kaum mehr vier Prozent. Vollends vom Aussterben bedroht ist die Berglandwirtschaft. Intensiver Arbeitseinsatz, steiles Gelände, kleine Betriebsgrößen, kurze Vegetationsperioden, der Klimawandel und umständliche Transportwege sind schlechte Karten für die Bergbäuerinnen und Bauern in den Alpen.
Es wäre verfehlt, das Beispiel »Roti Flüo« als Allerweltsheilmittel anzupreisen. Sie ist ein Beispiel, das von seiner Exklusivität lebt. Und doch demonstriert es, daß es hoffnungsvolle Initiativen gibt, die aus der Landwirtschaftskrise herausführen können. Bedingungen dafür sind Kreativität, unternehmerisches Geschick und nicht zuletzt eine nie versiegende persönliche Energiequelle.
Die Kombination der drei Einkommensquellen »landwirtschaftliche Erzeugnisse«, »Tourismus« und »Direktzahlungen« bewährt sich bereits für einige andere innovative Landwirte. Aber auch für die » Roti Flüo « muß sich das Experiment in Zukunft auszahlen, von einem mutigen Versuch muß es sich zu einem weitgehend selbsttragenden Unternehmen entwickeln. Eine wichtige zusätzliche Hilfe sind zinslose Darlehen oder Spenden des Fonds Landschaft Schweiz, der Berghilfe, der Schweizerischen Bergheimat oder der Coop Patenschaft. Immer noch ist das Unternehmen aber mit einem Schuldenberg von 2oo 000 Schweizer Franken belastet. Demgegenüber stehen jährliche Einnahmen von 38 000 Franken aus Subventionen, die aber kaum die laufenden Kosten und den Lebensunterhalt decken. .

Ein staatlich bezahlter Landschaftsgärtner so bezeichne ich mich manchmal scherzhaft. Wenn der schlimmste Fall eintrifft, ich keine Yaks verkaufen kann, das Trekking nicht läuft und ich den Käse nicht los werde, beantrage ich in Bern ein orangefarbenes Übergewand, wie es sich für einen im Dienste des Staates arbeitenden Landschaftsgärtner gehört. So weit ist es aber noch lange nicht. Zehn Jahre gebe ich mir Zeit, um den Tatbeweis zu erbringen, daß es mir gelingt, meine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Nach dieser Dekade soll die »Roti Flüo« schwarze Zahlen schreiben, und zwar unabhängig von Subventionen.
Mein Antrieb ist die Sehnsucht nach Selbständigkeit, da paßt es nicht, daß ich unendlich viele Formulare ausfüllen muß, um von einem Verband oder von Bern gnädigst Geld zu empfangen. Die Verbände werfen Individualisten wie mir stets Knüppel zwischen die Beine. Ich denke hier vor allem an den verknorzten Bauernverband oder die verschiedenen Verbände der Viehzüchter, die für meinen Geschmack viel zu mächtig sind.
Ich bin mir sicher, daß selbst die Schweizerische Vereinigung der biologischen Landbauorganisationen, bei der ich Mitglied bin, genauso funktionieren wird, wenn sie eine bestimmte Größe erreicht hat. Sobald ich schwarze Zahlen schreibe, trete ich darum auch aus dieser Vereinigung wieder aus. Für die Qualität meiner BioErzeugnisse kann ich auch selber bürgen, da brauche ich weder Kontrolleure noch Formulare.
Meine Zukunftsvisionen für die Schweiz sind eher düster. Dieses Land hat viel zu wenig Profil und Selbstbewußtsein, Geld und Bürokratie stehen im Zentrum, das ist einfach keine Perspektive für eine Gesellschaft. Das Materielle hat bei weitem nicht nur in der Schweiz massiv Oberhand. Der Mensch vergißt vor lauter Materie, daß er im Grunde genommen ein geistiges Wesen ist. Wir stehen an einem Scheideweg und müssen uns entscheiden zwischen einer nachhaltigen Lebensweise und dem blinden Glauben an die Technik, wie zum Beispiel an die Gentechnologie. Es gibt genug Möglichkeiten, um in der persönlichen Entwicklung weiterzukommen. Durch den Körper hindurch können wir sehr gut an unserem Geist arbeiten, wie es auch umgekehrt unser Körper, unser Fleisch ist, das es uns ermöglicht, die Ideen, die im Kopf geboren werden, zu verwirklichen.

Nach dem Einkauf im Dorf, den er alle paar Tage macht, und der Erledigung verschiedener Formalitäten und Abklärungen auf der Gemeindekanzlei fährt Daniel Wismer mit einer kleinen Seilbahn zu einem Schwatz auf einen hochgelegenen Weiler. Das alte Bergbauernpaar, das er gelegentlich besucht, wohnt in einem Chalet, dessen Bau von der Wohnbauhilfe für die Bergbevölkerung mitfinanziert wurde. Stolz zeigen sie das Familienalbum mit Fotos aus ihrer Jugend und den vielen Kindern. »Ich habe einiges erlebt«, sagt der alte Mann und deutet mit dem Finger auf ein altes vergilbtes Foto aus der Aktivdienstzeit an der Grenze zu Deutschland, »doch gelernt habe ich nichts, ich bin nur ein einfacher Bauer geblieben.« Er schenkt eine weitere Runde Limonade in die Weißweingläser ein. Seine Frau klopft dem jungen Bauern von der Roti Flüo anerkennend auf die breiten Schultern. Wismer lacht sein breites, unwiderstehliches Lachen.

Wer hätte gedacht, daß aus dem DJ tatsächlich ein Bergbauer wird, der hoch oben in den Walliser Bergen seine asiatischen Hochlandrinder weidet? Er schon, denn er hatte seine Zukunft im Fieber bildhaft vorausgesehen.

Foto: Bernhard van Dierendonck

Alles wird gut!
Visionen und Experimente aus der Schweiz Herausgegeben von Katharina Steffen
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN 3-518-39407-X