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Vor drei Jahren hat Daniel Wismer, der überzeugt ist, in einem früheren
Leben ein Tibeter gewesen zu sein, nach hartnäckiger Suche seinen
Platzgefunden. Die Rotfluh oder »Roti Flüo«, wie die
Einheimischen den Flecken ob Embd im Kanton Wallis nennen, beheimatet
heute 27 genügsame asiatische Hochlandrinder und dies ist erst der
Anfang.
Es war immer mein Kindheitstraum, Bauer zu werden, sagt Daniel Wismer,
doch ich hatte keinen Hof, den ich erben und weiterführen konnte.
Ich war noch nicht volljährig, als meine Eltern kurz nacheinander
starben mit fünfzehn war ich Vollwaise.
Nach einer Lehre als Forstwart in der Holzkorporation Zug und der Rekrutenschule
nahm ich meine Waisenrente und ging. Jahrelang war ich auf der Reise,
unterwegs, insgesamt besuchte ich dreißig Länder, und immer
weiter entfernte ich mich von der Heimat. Als ich schließlich im
Jemen ankam, riet mir ein alter Italiener dringend, nie wieder in die
Schweiz zurückzukehren, dort würde es mir schlechtgehen, meinte
er. Ich reiste also weiter.
Besonders gut gefallen hat es mir im Nordjemen. Den Koran mußt du
nicht auswendig lernen, sondern im Herzen tragen, das habe ich dort begriffen
Allah der Allmächtige sei gepriesen. Ergriffen war ich auch von den
Steinzeitmenschen in WestNeuguinea, das kam mir echt gut rein. Und im
Tibet schwebte ich ständig mindestens einen halben Meter über
dem Boden, so wohl fühlte ich mich dort. Im ganzen Himalayagebiet
begegnete ich immer wieder den Yaks, von diesen urtümlichen, dichtbehaarten
Hochgebirgsrindern hängt das Leben in den Bergdörfern Nepals
und Tibets zu einem großen Teil ab.
Als ich eines Tages vor einer Yakherde in Tibet stand, da wußte
ich plötzlich: das war's. »Ich werde Yaks züchten, und
zwar zu Hause in den Schweizer Alpen«, sagte ich zu meinem Reisegefährten.
Er konnte mit meinen Träumereien nicht viel anfangen, das sei doch
unrealistisch, meinte er.
Dann kam der Tag, an dem ich mich unendlich schwach fühlte, meine
Augen färbten sich gelb Hepatitis A auf 3500 Metern über dem
Meer! Es war fürchterlich, ich dachte, ich sei am Ende. Man riet
mir, sofort ins Tal abzusteigen. Das tat ich dann auch. Nach einer Wanderung
von zwei Tage erreichte ich endlich die Niederungen. Das war 1988.
Ich war so mitgenommen, daß ich die meiste Zeit schlief oder vor
mich hindämmerte, und während ich so auf dem Bett lag, erschien
mir immer wieder eine Vision: Die Vision von einer kleinen Felswand, einem
lichten Wald und einem Bauernhof. Entgegen dem Ratschlag des Italieners
kehrte ich, kaum konnte ich wieder gehen, in die Heimat zurück. So
hatte mir die Krankheit den Weg gewiesen.
Nach meiner Genesung begann ich zu arbeiten, zuerst bei einem Landwirt,
als selbständig erwerbender Allrounder, abends war ich DJ und spielte
Dance Floor und New Wave in einer Disco, aber den Traum vom eigenen Betrieb
mit Yaks behielt ich immer in Erinnerung. Ich streifte oft durch die Berge,
frühmorgens heftete ich meinem Chef einen Zettel an die Tür
mit den Worten: »Ich bin in den Bergen. Bis bald.« Sieben
Jahre suchte ich erfolglos. Als DJ wußte ich: Das Ziel ist erst
erreicht, wenn bei meinem Equalizer nicht nur zwei, drei, sondern alle
zehn Lampen rot aufleuchten, erst dann ist das Ziel erreicht.
Wieder einmal lockte ein Inserat: »Günstig zu verkaufen: Bauernhof
oberhalb von Embd, Wallis.« Wieder einmal hängte ich den Zettel
an die Türe meines Chefs und fuhr nach Embd.
Der Mann aus dem Kommandoraum der Seilbahn-Bergstation Kalpetran erklärte
mir den Weg. Die »Roti Flüo« sei leicht zu finden, sagte
er: »Direkt nach der Lawinenschutzmauer überquerst du eine
kleine Brücke und folgst dem steilen Pfad an dem großen, neuen
Holzkreuz vorbei. Dann geht es steil weiter bis zu der kleinen Kapelle,
die gerade renoviert wird, flach zweigt ein Pfad nach links ab, führt
unter den Felsen hindurch und gewinnt im Lärchenwald mit etlichen,
steilen Serpentinen an Höhe, die Roti Flüo kannst du dann nicht
mehr verfehlen bei genauem Hinsehen siehst du das Heimetli sogar vom Dorf
aus.« Nach einer halbstündigen Wanderung stand ich vor dem
Hof, dahinter ein lichter Wald vor hohen Felsen. Majestätisch kreiste
ein Adler über dem Gehöft alle zehn Lampen meines inneren Equalizers
leuchteten rot!
Adler seien, so erzählte mir später ein Rimpoche, nach der Überzeugung
der alten Weisen stets ein gutes Omen; Rimpoches sind besondere tibetische
Geistliche. Kurz entschlossen verkaufte ich also die Erbwohnung, um mit
dem Geld das Gut und zwei Hektar Land zu erstehen. Ich fand, es sei ideal
für ein schamanistisches Leben, archetypisch: eine Kuh, ein Garten
und meditieren.
Doch so beschaulich, wie sich das anhört, kam es nicht. Vor meiner
Ausreise nach Indien hatte mir ein Beamter erklärt: »Young
men have to work before they pray« das sollte mein neuer Leitspruch
werden. Ich kam auf meine ursprüngliche Idee zurück und begann,
Yaks aus Deutschland zu importieren, ein Tier nach dem anderen, ich pachtete
immer mehr Land zu meinen zwei Hektaren dazu. Es gab viel zu tun: Ich
schnitt einen Teil des Grases für Heu und trug es auf dem Rücken
in den Heuschopf, ich befreite die verwahrlosten Wiesen vom Gebüsch
und fällte dünne, gerade Baumstämme, sie dienten als Masten
für die buddhistischen Gebetsfahnen, die ich aufhängte. Schließlich
begann ich, eines der drei kleinen Häuser für zukünftige
Gäste zu renovieren.
Die harte, anspruchsvolle Arbeit zog mich ins irdische Leben zurück.
Ich schlief so tief, daß die Träume der vergangenen Nacht am
Morgen vergessen waren, und selbst die vegetarische Ernährung gab
ich auf, da es mir sonst an Biß für die schwere, körperliche
Arbeit gefehlt hätte. Die Steuerrechnung und die Aufforderung zur
Nachzahlung der AHV der Alters und Hinterlassenenvorsorge haben mir viel
Ärger gemacht. Ich mußte weitere Schulden machen und habe wegen
dem Streß und weil ich unter Druck stand sogar für eine gewisse
Zeit wieder mit dem Rauchen angefangen.
Vier Jahre später gehört der großgewachsene und breitschultrige
33jährige mit dem Stoppelbart und den zu einem Pferdeschwanz gebundenen
langen Haaren schon fast zum Dorfbild von Embd. Die junge Frau aus dem
Dorfladen schildert den Zugezogenen abwechselnd schmunzelnd, dann wieder
ernst: »Der Daniel ist ein Charmeur und ein Urchiger zugleich, ganz
sicher aber ist er ein leidenschaftlicher Bauer. «
Tatsächlich sind die Yaks eine Sensation nicht nur für das Dorf,
sie stoßen weitherum auf Interesse. Daniel Wismers oft stammtischreife
Sprüche oder die weltgewandten, philosophischen Ausführungen
machen ihn zum dankbaren Interviewpartner. Mittlerweile spricht man sogar
im Embdner Gemeindebüchlein mit kaum verhehltem Stolz von »unserem
Yakbetrieb«. Daß dies im Bergdorf, wo vor allem traditionelle
Landwirtschaft betrieben wird, eine große Anerkennung bedeutet,
ist Daniel Wismer bewußt. Der Gemeindepräsident schätzt
es, daß die lange verwaiste »Roti Flüo« wieder
belebt ist. Und wirklich ist seit dem bescheidenen Anfang dort oben einiges
passiert: Der Betrieb ist auf 20 Hektar bewirtschaftetes Land und 27 Stück
Vieh angewachsen; für das 350 Seelen zählende Dorf ist »der
Wismer Daniel« ein Großbauer. Und einige Dri die tibetische
Bezeichnung für Yakkuh sind bereits wieder trächtig.
Täglich um halb acht in der Früh ist Kontrollgang bei den Yaks,
berichtet Wismer, ich nehme immer einen Sack altes Brot mit. Schon von
weit her höre ich das helle Glockengeläute und die trockenen
Hustlaute, die richtig prähistorisch anmuten. Kaum bin ich auf der
Weide angekommen, umringen mich die zottigen Tiere, sie betteln um Streicheleinheiten
und um das Brot, das für sie ein Leckerbissen ist. Dawa und Kelsang,
die beiden Kälber, rennen aufgeregt wie kleine Kitze die steile Weide
hinab und hinauf, während Khampa, der edle und wuchtige Bulle, das
aufgeregte Treiben seiner Herde überwacht.
Exotische Tiere wie meine Yaks oder auch Schottische Hochlandrinder, Lamas,
Strauße oder Bisons sehen ich und andere experimentierfreudige Landwirte
als Chance für die Landwirtschaft in der Schweiz. Eigentlich wäre
ja ein Ort wie die »Roti Flüo« dazu prädestiniert,
einheimische, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen zu züchten.
Zuerst habe ich auch damit geliebäugelt, als ich dann aber die Yaks
kaufen konnte, da stellte sich für mich die Frage nach einheimischen
Tieren nicht mehr. Die Einfuhr sogenannter Exoten finde ich so lange legitim,
wie sich die Tiere ohne Mehraufwand wohl fühlen und dem Ökosystem
keinen Schaden zufügen.
Für einen Betrieb, wie ich ihn mir vorstelle, sind Yaks das einzig
Richtige. Sie haben sehr viele Vorteile. So benötigen sie eine bescheidene
Infrastruktur und erfordern wenig Arbeit. Yaks klettern wie Ziegen und
sind so genügsam, daß Nachbarn anfragen, ob ich die Tiere nicht
auf ihre abgefressenen Schafweiden treiben wolle. Denn sie verschmähen
nicht einmal die Grashalme, die sogar Schafe, die sehr gründlich
sind, stehenlassen. So ersparen sich die Bauernkollegen das Wiesenputzen,
wie das Mähen der Grasreste genannt wird. Da Yaks ihren Kot sehr
regelmäßig verteilt fallen lassen, müssen nach dem Weidegang
nur noch die gröbsten Haufen mit der Mistgabel verteilt werden, und
schon ist die Weide gedüngt. Die Tiere sind halb so schwer wie Kühe
und beschädigen mit ihren kleinen Hufen die Grasnarbe kaum. Selbst
im Winter fällt das Einstallen weg. Mit ihrer dicken, kuschelweichen
Unterwolle und den langen Bauchhaaren sind sie vor Kälte und Schnee
hervorragend geschützt. Sie begnügen sich mit dem Heu, das für
sie in Unterständen bereitsteht, oder scharren das spärliche
Gras unter der Schneedecke hervor. Die einzige Gefahr für sie sind
Lawinen nach ergiebigen Neuschneefällen.
Doch die Yaks erfüllen natürlich nicht nur den Zweck von geländegängigen
Rasenmähern. Einnahmen erhoffe ich mir zudem von der Zucht, sie ist
im Moment ein lukratives Geschäft. Wegen der BSESeuche dürfen
vorläufig keine erwachsenen Rindviecher mehr in die Schweiz eingeführt
werden, das heißt weder normale Milchkühe, Yaks, schottische
Hochlandrinder noch Bisons. Die Nachfrage nach einer schweizerischen Zucht
ist deshalb enorm gestiegen. Da es in der Schweiz nur insgesamt So Yaks
gibt, könnte ich im Nu alle Jungtiere verkaufen. In Zukunft will
ich auch Wolle, Fleisch oder Milchprodukte anbieten. Zuerst müssen
sich die scheuen und unberechenbaren Tiere aber an das Melken gewöhnen.
Die Dressur ist sehr schwierig und will gelernt sein, dafür gastierte
ein Sherpa, der eigens aus Nepal gekommen ist, für einige Wochen
hier auf der »Roti Flüo«. Faszinierend war es, wie ruhig
dieser Mann mit den Tieren umging, und stets hat er dabei leise und fein
gesungen. Seither haben die Tiere auch zu mir viel mehr Vertrauen. Wenn
alles gutgeht und sie noch zutraulicher werden, wandere ich bald zum ersten
Mal mit Gästen und einer Yakkarawane über den Augstbordpaß
ins benachbarte Turtmanntal. Yaktrekking wird ein Hit, da bin ich mir
sicher.
Himalayaglanzfasane, tibetische Zeisige, ein tibetischer Hirtenhund, das
frisch renovierte »Yakstübli« oder kleine Gebetsfähnchen
als Tischdekorationen der neuerstellten Gartenwirtschaft so stelle ich
mir die Zukunft auf der Rotfluh vor. Zusammen mit dem buddhistischen Kloster
in Rikon im Kanton Zürich will ich einen buddhistischen Pilgerpfadich
nenne es einen Vitaparcours für den Geist erstellen. Selbstverständlich
darf der farbenfrohe Buddha auf dem Felsen hinter dem Gehöft nicht
fehlen. Ob das vielleicht doch zu kitschig oder zu aufdringlich wirkt,
ich hoffe es nicht.
Meine Gefühle für das asiatische Hochland und seine Menschen
sind tief und echt. Wenn ich mit Tibetern zusammen bin, fühle ich
mich stets unter meinesgleichen. Vermutlich war ich in meinem vorhergehenden
Leben selbst Tibeter, der Geist von damals flackert immer wieder auf:
Schon als Jugendlicher, als ich von Tibet noch keine Ahnung hatte, zündete
ich auf einem Berggipfel Räucherstäbchen an daß das ein
geläufiger Brauch dort oben in Tibet ist, habe ich erst später
festgestellt. Daß buddhistische Mönche meinen Hof mit einer
Zeremonie einweihten, ist für mich darum genauso selbstverständlich
wie das Aufhängen der Gebetsfahnen. Vielleicht mutet es seltsam an,
aber Buddhist bin ich, bei aller Nähe zu dieser Kultur, trotzdem
nicht. Damals in Nepal wollte ich das Totenbuch auswendig lernen, ich
war überzeugt, daß ich diese Riten und Anrufungen beherrschen
müsse, wenn meine Stunde einmal schlägt. Doch die Götter
in diesem Buch waren mir so fremd, daß ich bald merkte, das ist
nicht meine Welt. Jesus, nicht die Kirche, ist mir zum Beispiel viel näher.
Er erschien mir in einer Vision und gab mir bei meiner Gelbsucht die Kraft
für die lange Wanderung zurück in die Zivilisation, ich hatte
aber auch schon Träume, in denen mir ein indianischer Chief oder
der Dalai Lama erschienen sind.
Obwohl das Spirituelle in meinem Leben eine große Rolle spielt,
möchte ich nicht als Einsiedler leben. Deshalb erzählte ich
einem Journalisten im Frühjahr 1997 von meinem Wunsch nach einer
Lebensgefährtin, der Artikel war bestimmt das längste Partnerschaftsinserat,
das es je gab. Die Reaktionen waren überwältigend, über
Monate besuchte mich mindestens eine Frau pro Woche. Sie waren zwar alle
ganz nett, doch mit den Schweizerinnen scheint es nicht richtig zu klappen,
ich vermute, daß eine Tibeterin oder eine Indianerin meine Auffassung
von einer Aufgabenteilung zwischen Haus und Hof eher teilt.
Mitte des letzten Jahrhunderts beschäftigte die Landwirtschaft zwei
Drittel der Bevölkerung, heute sind es kaum mehr vier Prozent. Vollends
vom Aussterben bedroht ist die Berglandwirtschaft. Intensiver Arbeitseinsatz,
steiles Gelände, kleine Betriebsgrößen, kurze Vegetationsperioden,
der Klimawandel und umständliche Transportwege sind schlechte Karten
für die Bergbäuerinnen und Bauern in den Alpen.
Es wäre verfehlt, das Beispiel »Roti Flüo« als Allerweltsheilmittel
anzupreisen. Sie ist ein Beispiel, das von seiner Exklusivität lebt.
Und doch demonstriert es, daß es hoffnungsvolle Initiativen gibt,
die aus der Landwirtschaftskrise herausführen können. Bedingungen
dafür sind Kreativität, unternehmerisches Geschick und nicht
zuletzt eine nie versiegende persönliche Energiequelle.
Die Kombination der drei Einkommensquellen »landwirtschaftliche
Erzeugnisse«, »Tourismus« und »Direktzahlungen«
bewährt sich bereits für einige andere innovative Landwirte.
Aber auch für die » Roti Flüo « muß sich das
Experiment in Zukunft auszahlen, von einem mutigen Versuch muß es
sich zu einem weitgehend selbsttragenden Unternehmen entwickeln. Eine
wichtige zusätzliche Hilfe sind zinslose Darlehen oder Spenden des
Fonds Landschaft Schweiz, der Berghilfe, der Schweizerischen Bergheimat
oder der Coop Patenschaft. Immer noch ist das Unternehmen aber mit einem
Schuldenberg von 2oo 000 Schweizer Franken belastet. Demgegenüber
stehen jährliche Einnahmen von 38 000 Franken aus Subventionen, die
aber kaum die laufenden Kosten und den Lebensunterhalt decken. .
Ein staatlich bezahlter Landschaftsgärtner so bezeichne ich mich
manchmal scherzhaft. Wenn der schlimmste Fall eintrifft, ich keine Yaks
verkaufen kann, das Trekking nicht läuft und ich den Käse nicht
los werde, beantrage ich in Bern ein orangefarbenes Übergewand, wie
es sich für einen im Dienste des Staates arbeitenden Landschaftsgärtner
gehört. So weit ist es aber noch lange nicht. Zehn Jahre gebe ich
mir Zeit, um den Tatbeweis zu erbringen, daß es mir gelingt, meine
Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Nach dieser Dekade soll die »Roti
Flüo« schwarze Zahlen schreiben, und zwar unabhängig von
Subventionen.
Mein Antrieb ist die Sehnsucht nach Selbständigkeit, da paßt
es nicht, daß ich unendlich viele Formulare ausfüllen muß,
um von einem Verband oder von Bern gnädigst Geld zu empfangen. Die
Verbände werfen Individualisten wie mir stets Knüppel zwischen
die Beine. Ich denke hier vor allem an den verknorzten Bauernverband oder
die verschiedenen Verbände der Viehzüchter, die für meinen
Geschmack viel zu mächtig sind.
Ich bin mir sicher, daß selbst die Schweizerische Vereinigung der
biologischen Landbauorganisationen, bei der ich Mitglied bin, genauso
funktionieren wird, wenn sie eine bestimmte Größe erreicht
hat. Sobald ich schwarze Zahlen schreibe, trete ich darum auch aus dieser
Vereinigung wieder aus. Für die Qualität meiner BioErzeugnisse
kann ich auch selber bürgen, da brauche ich weder Kontrolleure noch
Formulare.
Meine Zukunftsvisionen für die Schweiz sind eher düster. Dieses
Land hat viel zu wenig Profil und Selbstbewußtsein, Geld und Bürokratie
stehen im Zentrum, das ist einfach keine Perspektive für eine Gesellschaft.
Das Materielle hat bei weitem nicht nur in der Schweiz massiv Oberhand.
Der Mensch vergißt vor lauter Materie, daß er im Grunde genommen
ein geistiges Wesen ist. Wir stehen an einem Scheideweg und müssen
uns entscheiden zwischen einer nachhaltigen Lebensweise und dem blinden
Glauben an die Technik, wie zum Beispiel an die Gentechnologie. Es gibt
genug Möglichkeiten, um in der persönlichen Entwicklung weiterzukommen.
Durch den Körper hindurch können wir sehr gut an unserem Geist
arbeiten, wie es auch umgekehrt unser Körper, unser Fleisch ist,
das es uns ermöglicht, die Ideen, die im Kopf geboren werden, zu
verwirklichen.
Nach dem Einkauf im Dorf, den er alle paar Tage macht, und der Erledigung
verschiedener Formalitäten und Abklärungen auf der Gemeindekanzlei
fährt Daniel Wismer mit einer kleinen Seilbahn zu einem Schwatz auf
einen hochgelegenen Weiler. Das alte Bergbauernpaar, das er gelegentlich
besucht, wohnt in einem Chalet, dessen Bau von der Wohnbauhilfe für
die Bergbevölkerung mitfinanziert wurde. Stolz zeigen sie das Familienalbum
mit Fotos aus ihrer Jugend und den vielen Kindern. »Ich habe einiges
erlebt«, sagt der alte Mann und deutet mit dem Finger auf ein altes
vergilbtes Foto aus der Aktivdienstzeit an der Grenze zu Deutschland,
»doch gelernt habe ich nichts, ich bin nur ein einfacher Bauer geblieben.«
Er schenkt eine weitere Runde Limonade in die Weißweingläser
ein. Seine Frau klopft dem jungen Bauern von der Roti Flüo anerkennend
auf die breiten Schultern. Wismer lacht sein breites, unwiderstehliches
Lachen.
Wer hätte gedacht, daß aus dem DJ tatsächlich ein Bergbauer
wird, der hoch oben in den Walliser Bergen seine asiatischen Hochlandrinder
weidet? Er schon, denn er hatte seine Zukunft im Fieber bildhaft vorausgesehen.
Foto: Bernhard van Dierendonck
Alles wird gut!
Visionen und Experimente aus der Schweiz Herausgegeben von Katharina Steffen
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN 3-518-39407-X
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