01.03.2001

Spick März 2001

Eine Weisheit aus Tibet besagt:
"Wenn die Yaks sterben, sterben auch die Menschen." Tatsächlich gibt es in den entlegenen Gebieten des Hochlandes kaum Überlebensmöglichkeiten ohne die Tiere. Die Nomaden nennen die Yaks deshalb Nor; das bedeutet Juwel.Yaks - die Rinder aus dem Schneeland
Text: Christian Schmidt

Karg, baumlos und viermal so gross wie Deutschland ist die Heimat der Yaks. In dem riesigen Gebiet wäre ohne diese Rinder keine Landwirtschaft möglich.Denn viel zu unwirtlich sind die Bedingungen für Ackerbau und übliche Viehzucht. In diesen klimatisch strengsten Weltgegenden, auf Höhen bis 6600 Meter, können nur ganz wenige Tierarten überleben, Darunter die Yaks.
Eine besonders grosse Luftröhre erlaut es ihnen, in der dünnen Luft genug Sauerstoff aufzunehmen. Der Kälte wiederstehen sie, weil sie eine elf Millimeter dicke Lederhaut haben, sie ist doppelt so dick wie bei unseren Kühen. Auf dieser dicken Haut tragen sie ein Fell mit dichter, feiner Unterwolle, die eine perfekte Isolationsschicht bildet. Ihre empfindlichste Stelle, den Bauch mit den inneren Organen, schützen lange Haare, die wie ein Vorhang zwischen den Vorder- und Hinterbeinen herabhängen. Werden die Tiere von einem Wintersturm überrascht, bleiben sie stehen und lassen sich einschneien, bis sie kaum mehr zu sehen sind.

Drei Gramm pro Biss
Die karge Nahrung dieser Höhen genügt den Yaks. Gras wächst nur in der kurzen Sommerzeit; während sieben bis acht Monaten im Jahr fressen die Tiere Moose und abgestorbene Kräuter. Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn und den harten Hufen gelingt es ihnen, die Nahrung unter einer hohen Schneedecke zu finden und hervorzukratzen. Weil das Gras aber nur ein paar Zentimeter lang wird, vermögen die Yaks nur drei Gramm pro Biss aufzunehmen. Zehn Stunden pro Tag weiden sie!
Die Yaks gehören zur Art der Rinder. Ihr wissenschaftlicher Name lautet "bos grunniens", was auf Deutsch Grunzochse heisst. Tatsächlich geben Yaks Geräusche von sich, als drehe man einen Spielzeugbären vom Bauch auf den Rücken. Die wilden Yaks haben lange, braunschwarze Haare und mächtige Hörner; an der Schulter messen sie bis zwei Meter, und die Bullen werden bis tausend Kilo schwer. Sie können gefährlich werden. Die gezähmten Yaks dagegen erinnern eher an Hausrinder. Das liegt nahe, denn sie werden mit ihnen gekreuzt. Aber auch sie bleiben ungestüm und sehr eingenwillig. Ihr Fell ist nicht einheitlich dunkel, sondern gefleckt, manchmal auch braun, rot oder sogar weiss. Weisse Yaks gelten als heilig. Der Dalai Lama, das geistige und politische Oberhaupt der Tibeter und Tibeterinnen, reitet bei besonderen Festen auf einem weissen Yak.

Perfekte Nutztiere
Die Yaks werden als die "Kokosnuss der Tierwelt" bezeichnet. Das ist nicht abschätzig gemeint, im Gegenteil. Sämtliche Bestandteile der Kokosnuss - Fasern, Schale, Fleisch und Milch - lassen sich nutzen; ebenso verhält es sich mit den Yaks. Sie sind die perfekten Nutztiere.
In den frühen Morgenstunden melken die Frauen die Yakkühe. Die Milch, auf Tibetisch O-ma genannt, verarbeiten sie zu Käse und Butter. Ein Teil des Käses - Chura - trocknet an der Luft zu steinharten Briketts, die jahrelang haltbar sind. Die übrig bleibende Molke kochen die Frauen zu einem festen Brei ein - Döja - und verwenden ihn als eine Art Schminke. Die Yakbutter - Mar - wird in den Tee gemischt, sie dient aber auch als Brennstoff für Lampen in Klöstern, als Haaröl und zur Behandlung roher Yakhäute.



Im Frühjahr kämmen die Frauen die feinen Wollhaare aus dem Fell der Yaks, verspinnen sie zu Garn und stellen daraus Decken, Säcke, Seile und Riemen her. Die groben Wollhaare - Tsipa - werden geschoren und zu hochwertigen Filzmänteln verarbeitet. Auch ihre Zelte bauen die Nomanden aus Yakhaar. Die Zelte sind so dunkel wie die Wolle, und aufgrund des natürlichen Fettgehaltes der Haare schützen sie sehr gut vor Wind und Nässe. Der Mist der Tiere - Chowa - wird eingesammelt und in getrocknetem Zustand als Brennstoff verwendet. Es ist die einzige Energiequelle in dieser Höhe. Sogar der Russ, der aus dem Yakmist entsteht und sich in den Zelten niederschlägt, wird verwendet: Er dient als Tinte. Das Schlachten der Tiere ist Männersache. Es erfolgt Anfang Winter, wenn die Temperaturen bereits weit unter dem Gefrierpunkt liegen. Von der Natur gefroren und getrocnet, bleibt das Fleisch - Sha - bis ins nächste Frühjahr haltbar.

Aus den Häuten der Tiereentstehen Sättel und Stiefel; manchmal werden sie zudem für den Bau von Kanus verwendet. Die Schwänze, buschig wie Pferdeschweife, dienen als Fliegenwedel und werden bis nach Indien exportiert. Aus den Knochen werden Musikinstrumente oder schmuckstücke geschnitzt.

Ausdauernde Lasttiere
Jeweils im Frühjahr kommen die Yaks als Lasttiere zum Einsatz. Dann brechen die Nomaden - aber nur Männer! - zu den entfernten Salzseeen auf. Dort wird die Salzkruste mit Yakhörnern aufgebrochen und in Taschen aus Yakwolle abgefüllt. Jedes Tier trägt hundertfünfzig Kilo. Nur drei bis vier Kilometer pro Stunde legen sie zurück, aber sie lassen sich durch nichts aufhalten. Durch eiskalte Gebirgsflüsse schwimmen sie, über die höchsten Pässe und über die schmalsten Gebirgspfade tragen sie ihre Last. Hunderte von Kilometern legen sie zurück bis zu den Handelsorten. Ohne diesen Transport könnten die Nomaden kaum überleben: Seit Menschengedenken tauschen sie Salz gegen Gerste, ihre tägliches Nahrungsmittel.

Ungewisse Zukunft
Auch in Tibet kommen immer mehr moderne technische Hilfsmittel zum Einsatz. Heute fahren auch Lastwagen zu den Salzseen. Die Nomanden verlieren dadurch Arbeit und Einkommen, und sie brauchen die Yaks nicht mehr als Lasttiere. Es ist aber nicht zu befürchten, dass die gezähmten Yaks aussterben: In Tibet leben rund 4.4 Millionen Tiere, das entspricht etwa einem Drittel des Weltbestandes. Stark gefährdet sind jedoch die Wildyaks. Sie, die in den entlegensten Hochgebieten leben, wurden sehr lange gejagt. Obwohl die Tiere inzwischen geschützt sind, nimmt die Zahl der Wildyaks kaum zu. Laut dem World Conservation Monitoring Centre, einer weltweit tätigen Überwachungsstelle für bedrohte Tierarten, soll es in Tibet nur noch einige wenige hundert wilde Yaks geben.

Der tödliche Winter
Als die Frühlingssonne im März 1996 den Schnee schmolz, enthüllte sie eine Katastrophe: Auf einer Fläche, so gross wie die Schweiz, lagen im tibetischen Hochland tote Yaks. Wie viele Tiere umgekommenb waren, konnte nie genau ermittelt werden. Jon Aldridge, in London für die Tibet Foundation tätig, spricht von insgesamt über 800 000 Kadavern - Yaks, Ziegen und Schafe. Davon dürften ein gutes Drittel Yaks gewesen sein.
Was war geschehen? Bereits im frühen Herbst 1995 war ausserordentlich viel Schnee gefallen, er fiel endlos weiter, und das Thermometer sank bis minus 47 Grad. Doch der härteste Winter seit hundert Jahren allein hätte den Yaks nicht so zusetzen können. Jon Aldridge: "In den vergangenen Jahrzenten ist im tibetischen Hochland der Bestand eines rattenähnlichen Nagetiers, Abra genannt, geradezu explodiert. Die Abras fressenGraswurzeln, das Gras stirbt." Viel weniger Nahrung als in anderen Jahren stand zur Verfgung. Und das war verheerend für die Yaks und die Leute, die von den Yaks leben. Die Zahl der Yaks nimmt langsam wieder zu. Doch von den 20 000 Nomanden, die ihr Hab und Gut verloren haben, müssen weiterhin viele von der Hand in den Mund leben. Der Verlust dr Tierehat sie um ihre Existenz und Zukunft gebracht. Denn eine andere Verdienstquelle als die Yaks gibt es in der abgelegenen Provinzen Tibets nicht.


Daniel Wismer der Yakbauer
Eines Tages habe er eine Vision gehabt, sagt Daniel Wismer, und zwar mitten auf dem Durbar-Platz in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. "Plötzlich habe ich gewusst, was ich mit meinem Leben tun soll." Nein, nicht mehr länger Forstwart wollte er sein, nein, auch nicht mehr irgendwo jobben. "Es war eine Eingebung." Die Eingebung hiess: Yaks - einen Bauernbetrieb mit Yaks aufbauen.
Das war vor vierzehn Jahren. Heute lebt Daniel auf der Rotfluh, einem Walliser Bergheimet hoch am Hang über dem Mattertal. Lange bevor er hier hinauf kam, hatte die letzten Bauern die beiden sonnenverbrannten Häuschen aufgegeben. Niemand wollte freiwillig diese karge Gegend bewirtschaften. Niemand ausser Wismer. Wenn er jetzt nachts aufwacht, hört er die Yaks herumstapfen und grunzen. 46 Stück besitzt er. Wismer nennt die Geräusche "meine kleine Nachtmusik".

Nutztiere für die Alpen ?
Warum Yaks ? "Die einheimischen Rassen passen mir nicht", sagt Daniel. Überzüchtet seien sie, mit viel zu grossen Eutern, krank und abhängig von Antibiotika. Ganz anders die Yaks. "Sie tragen noch die Handschrift der Natur!" Yaks geben so viel Milch, wie ihre Kälber trinken, ein bis zwei Liter pro Tag. Sie haben so viel Fleisch,wie sie für ihre Muskelapparat brauchen, und sie brauchen kein teures Kraftfutter. - "Das ist die Zukunft für die Tierhaltung in den Alpen", sagt der 36-jähreige Bergbauer und fügt hinzu: "Noch nie ist ein Yak an Rinderwahnsinn erkrankt!"
Wismer liebt seine Tiere. Wenn er ein paar Minuten freie Zeit findet,geht er af die Weide und schaut ihnen zu. Nur schauen. Er will die Fremdlinge aus Tibet verstehen lernen. Und immer hat er ein Stück trockenes Brot in der Tasche. Sein jüngster Yak, ein Stierkalb mit tiefschwarzem Fell, krigt es. Er liegt am steilen Hang in der Herbstsonne, mitten in der Herde. Das Kalb frisst aus der Hand. Wismer ist stolz auf den Nachwuchs. Welches Glück! Er gräbt die Hände tief in die Wolle. Dann steigt er wieder hinauf zu seinem Haus, wo tibetische Gebetsfahnen flattern. Daniel Wismer, der seinen dunkelblonden Rossschwanz mit Stolz trägt und am liebsten Heavymetal-Musik hört, geht seinem neuen Leben mit Überzeugung nach.

Yak-Trekking
Noch kann der Bergbauer nicht von den Yaks leben. Er verkauft zwar Jungtiere an Bauern, die es auch mit den Rindern aus dem asiatischen Hochland versuchen wollen, und bald soll das Geschäft mit Yakfleisch geginnen. Aber der Verdienst reicht nicht. Deshalb bietet Daniel Yak-Trekking an. In seinem neu ausgebauten Hof nimmt er Gäste auf und zieht mit ihnen und den Tieren durch die Landschaft. Da kommen Touristen, aber auch Manager von grossen Industriefirmen und Gemeinderäte aus dem Unterland. Echte tietischeTragsättel legt Daniel Wismer den Tieren dann auf. "Das ist wie im Himalaja!" Berge, Schnee, Yaks. Das Matterhorn wird zum Mount Everest, das Wallis zum Tibet!