SAC Die Alpen (Mai 2000)
Menschen in den Bergen: Daniel Wismer, Selbstverwirklicher
Berge prägen. Immer wieder stellen wir fest, dass Menschen in den
Bergen, auch wenn sie an noch so verschiedenen Orten leben, ähnlichen
Tätigkeiten mit ähnlichen Tieren und Gerätschaften nachgehen.
Diese Gesetzmässigkeit verkörpert der Aussenposten des tibetischen
Kulturkreises - im Mattertal.
Hühner mit Steigeisen
"Tschong!", sagt die Frau bei der Seilbahnstation in Embd und
be- obachtet unsere skeptischen Blicke, denn für unsere Ohren tönt
das sehr Tibetisch. "Doch, doch, der Bach heisst so", bestätigt
sie. Wir überqueren das Gewässer und folgen einem Wegweiser
aus rohem Holz, auf dem die eingebrannte Silhouette eines Yaks zu sehen
ist. Embd liegt hoch über der Mattervispa, die Hänge sind sehr
steil. "Hier müssen die Hühner Steigeisen tragen",
bemerkt mein Begleiter Damian treffend. Wir waren mehrere Male zusammen
in Nepal, haben zusammen tibetische Klöster besucht und im Himalaya
Yaks bestaunt und bewundert. Heute erleben wir eine Art "Rückführung"
zu unseren gemeinsamen Reisen, denn nach knapp einer halben Stunde Aufstieg
auf steilen Bergpfaden öffnet sich vor uns ein Blick, der nicht der
schweizerischen Wirklichkeit zu entsprechen scheint.
Eine Gompa?
Auf einem etwas flacheren Buckel eines mit Felsen begrenzten Steilhangs
stehen drei kleine, dunkelbraune Walliserhäuser. Vor der Siedlung
befindet sich ein kupferner Gebetszylinder und mehrere hohe buddhistische
Gebetsfahnen, an den Häusern flattern unzählige farbige "Windpferde",
wie die kleinen Gebetswimpel genannt werden. Im ersten Moment könnte
man meinen, die Heimstatt auf der "Roti Flüo" sei ein tibetisches
Kloster, eine Gompa.
Daniel Wismer, ein blonder
Mittdreissiger, sitzt in der Küche und trinkt Kaffee. Bevor wir
eintreten, führt er behutsam einen tibetischen Mastiff auf die Terrasse,
wo sich dieser in den Schatten der Gebetswimpel legt.
Der Selbstverwirklicher
"Wer ich bin?", sinniert Daniel Wismer auf unsere Frage. "Das
ist nicht so einfach zu beantworten." Daniel lebt seit bald sechs
Jahren auf Roti Flüo oberhalb von Embd. Er hält eine Herde von
39 Yaks (Bos grunniens), verkauft ihr Fleisch und verarbeitet ihre Milch.
Im Sommer führt er im benachbarten Turtmanntal richtige Yak-Trekkings
durch - zusammen mit seinem Freund Chhimmey Kalden Sherpa sud Nepal. In
seiner Heimstatt hat er Infrastrukturen geschaffen, mit denen er an diesem
einmaligen, ruhigen und sonnigen Ort, scheinbar weit entfernt von der
betriebsamen Welt, über zwanzig Gäste beherbergen kann.Läge
nicht Grächen auf der Geländeterrasse gegenüber, man müsste
sich wirklich fragen,wo man sich befindet,in denAlpen oder im Himalaya.
"Im Prinzip verwirkliche ich hier meine Ideale", meint er abschliessend.
Schlüsselerlebnis
"Warst du schon in Tibet?", fragen wir Daniel. "In diesem
Leben nur einmal", ist seine typisch tibetische Antwort. Das war
1986. Damals sah er zum ersten Mal Yaks. Es war ein Schlüsselerlebnis
für ihn. Später hat er aus zoologischen Gärten in Deutschland
die ersten Grunzochsen in die Schweiz eingeführt. 23 Tiere waren
es zu Beginn; inzwischen haben sich die Schützlinge stark vermehrt.
Seine Erfahrungen sammelte Daniel übrigens zunächst mit Kühen.
"Ich habe in einem Hightech-Betrieb gearbeitet", meint er vielsagend.
Die Yaks können hier extensiv gehalten werden, es sind äusserst
genügsame Tiere, die sich von Gras ernähren. Von Zeit zu Zeit
steckt ihnen Daniel Minerallecksteine zu. Sowohl die Yakkühe, die
ein Gewicht von etwa 250 kg erreichen,wie auch die mächtigen Bullen
(bis 6000 kg) sind extrem geländegängig. Wie Gämsen schleichen
sie den steilen Hängen nach, während ihre rauen Zungen das Gras
abschaben. "Auch das Klima vertragen sie gut, ist Daniels beruhigende
Feststellung. Im Himalaya können die Tiere, auf Grund der südlicheren
Exposition, nur ab Höhen über 3000 Metern gehalten werden.
Arbeiten mit Yaks
"Yaks sind gefährlich und speziell", erklärt Daniel.
"Man muss mit Zuckerbrot und Peitsche vorgehen." Dies erklärte
ihm sein Sherpafreund, der auch gleich die geeignete Tragsättel aus
Tibet mitbrachte. Yaks sind sehr kräftig und ausdauernd, ungemein
schnell,manchmal auch unberechenbar - und störrisch wie Esel.
Das Arbeiten mit ihnen erfordert viel Geschick und eine gehörige
Portion Fingerspitzengefühl: "Du darfst keine Sekunde lang die
Konzentration verlieren." Auf der Weide sind sie gut zu halten, dort
machen sie - hinter dem Elektrozaun - einen äusserst friedlichen
und glücklichen Eindruck.
Daniel ist ein kreativer Mensch. Er hat schon Überlegungen angestellt,
ob in Zukunft Yaks für den Materialtransport in SAC-Hütten und
Berggasthäuser eingesetzt werden könnten. Zudem hat sein Betrieb
eine positive Eigendynamik angenommen, das touristische Angebot am unerschlossenen
Sonnenhang wird sehr rege genutzt.
Auf der Yakweide
Daniel erklärt uns, wo seine Yaks zu finden sind. Wir gehen querfeldein
durch mediterran anmutende Vegetation und erreichen bald einen kleinen
schattigen Fischteich,in dem sich der mächtige Kopf und die elegant
geschwungenen Hörner einer Yakkuh spiegeln. Das regelmässige
Bimmeln von Glöckchen meldet uns, dass sich weitere Tiere dem Wasser
nähern. Ein riesiger Yakbulle taucht zwischen Büschen und Lärchen
auf und grunzt uns an. Später posiert er mit seiner Breitseite, und
wir bewundern das glänzende Fell und die extrem langen Bauchhaare,
ein Prachtskerl. Nun beäugen die Yaks das Wasser im Teich, steigen
sehr lansam hinein und bleiben eine ganze Weile genüsslich stehen.
Sie kühlen sich ab, wie sie dies in den eisigen Gletscherbächen
des Himalaya gerne tun. Nur die imposante Kulisse des Weisshorns gegenüber
bestätigt uns,dass wir für diese Eindrücke nicht eine weite
Reise hinter uns haben.
Bernhard Rudolf Banzhaf,
Saas Fee
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