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In Embd, einem kleinen Schweizer Bergdorf im Wallis, bricht Daniel Wismer
zu einer Trekking-Tour auf. Wie bei den Treks im Himalaya tragen die Yaks
Getränke, Proviant und Ausrüstung. Vor fünf Jahren hat
Wismer in Embd einen alten Bergbauernhof gekauft und angefangen, Yaks
zu züchten. Die Dörfler hielten den aus der Inner-Schweiz Zugereisten
für einen Aussteiger, der auf 1600 Metern seinen Traum vom autonomen
Leben verwirklichen möchte. Solche Spinner kannten sie: Die kamen
und gaben nach einem Winter wieder auf. Und dieser Wismer trägt auch
noch einen blonden Pferdeschwanz.
Heute zählt Daniel Wismers Herde 37 Yaks. Vor kurzem wurden zwei
Kälber geboren. Sie sind jetzt so gross wie kleine Schafe und springen
schon kühn wie die Gemsen über die steilste Weide. Yaks sind
kleiner und schmaler als Kühe. Ein ausgewachsenes Tier wiegt 300
Kilo - etwa 400 Kilo weniger als eine der schwarzen Ehringerkühe,
die auf den Wiesen unter uns grasen. Der Staat zahlt den Bergbauern für
jede Kuh Subventionen. Wismer hat sie für seine Yaks ebenfalls beantragt.
Die Behörde erkannte die tibetischen Hochlandrinder offiziell als
Landschaftspfleger an. Einen Yak stufte sie als 0,8 Grossvieheinheiten
ein.

Raja, "der König", hat geschwungene Hörner wie ein
Galloway-Rind. Das schwarzbraune Fell mit den langen Zotteln erinnert
an einen Bison. Zwischen seinen grossen dunklen Augen kräuseln sich
wuschelige Locken auf der breiten Stirn. Dkapa, der hinter ihm trottet,
hat glattes Haar und einen langen, schmalen Kopf wie ein Elch. Alle bewegen
sich geschmeidig.
Hinter den Yaks geht Tsering Norbu Sipatsang. Der Tibeter ist 28 Jahre
alt, sein Gesicht straff und bronzegebräunt. Um sein dunkles Haar
hat er sich ein leuchtend rotes Taschung-Stirnband gebunden. Den Oberkörper
hat er in eine schwarze Jacke gehüllt, bestickt mit goldenen Ranken
und bunten Blumen. In Tibet hat er die 200 Yaks seiner Familie gehütet.
In einer Hochebene, 4000 Meter über dem Meer, schlug er sein Zelt
auf. Dort gab es keine Zäune. Wenn er die Tiere morgens melken wollte,
lockte er sie mit einer Mischung aus Salz und Mehl an. Seine Eltern machten
aus der süssen, fetten Milch Butter, Käse und Yoghurt. Aus den
langen Yakhaaren woben Frauen Planen und Satteldecken, aus der weichen
Unterwolle strickten sie Pullover.
Der Yak ist das wichtigste Nutztier des Himalaya. In Nepal schmücken
Yaks sogar den Fünf-Rupien-Schein. Bei den Aufständen in Lhasa
1986 nahmen die Chinesen der Familie von Tsering Norbu mehr als die Hälfte
ihrer Yaks weg. Dem Hirten blieben nur noch 70 Tiere. Er schloss sich
den Demonstranten an, die gegen die Besatzer protestierten. Später
musste er nach Europa fliehen. Heute hilft er Daniel Wismer beim Yak-Trekking
im Wallis, in den Sommermonaten kommt noch ein Scherpa hinzu.

"Yak oben Freude", sagt der Tibeter. In gebrochenem Deutsch
erklärt er, warum die Tiere beim Aufstieg kaum zu halten sind: Sie
wollen in die Hochlagen, wo sie sich am wohlsten fühlen. Oben ist
es kühler, stechen nicht so viele Mücken. Dort gibt es das klarste
Wasser und das frischeste Gras. "Daniel, bizzli langsam", ruft
er dem Führer zu. "Dann wird Yak ruhig."
Streckenweise ist der Weg in die Wand gehauen. Ein Felsüberhang wölbt
sich über unsere kleine Karawane. Wir wandern leicht und unbeschwert
bergauf - selbst die zur Vorsicht eingepackten warmen Jacken werden von
den Yaks getragen. Eine alte Trockenmauer stützt den rechten Wegrand.
Dahinter geht's fast senkrecht in die Tiefe. Schon die Römer sind
auf diesem Pfad gegangen. Über den 2900 Meter hohen Augstbordpass
kamen sie ins Turtmanntal. Wer will, kann von dort bis zum Mont Blanc
weiterwandern.
Die Glocken der Yaks bimmeln in gleichmässigem Rhythmus. Ihre zotteligen
Körper schaukeln im Takt den Berg hoch. Die Gleichförmigkeit
dieser Bewegung überträgt sich als Ruhe auf uns Wanderer. Die
Welt reduziert sich auf den Berg, die Sinne nehmen ihn jetzt

mit seinen Kleinigkeiten wahr. Sie riechen den warmen, harzigen Duft
des Holzes, spüren den weichen Teppich aus goldbraunen Lärchennadeln,
die im vergangenen Herbst abgefallen sind. Beryl aus Zürich, die
mit ihrer Freundin für ein Wochenende zum Yak-Trekking ins Wallis
gekommen ist, nimmt einen Zweig in die Hand und betrachtet fasziniert
die zarten violetten Knospen, aus denen Lärchenzapfen werden.
An der Schwarzen Blatte lässt Daniel Wismer halten. Tsering Norbu
nimmt die Rucksäcke von den Tragsätteln der Yaks-Mittagsrast.
Wir lagern auf einer komfortablen glattgeschliffenen Felsplatte, und scheinen
auf einem 2000 Meter hohen Balkon über der Welt zu schweben. Unter
uns liegt das tief eingekerbte Mattertal, dem Alltag bleibt der Weg nach
oben versperrt. Hier strotzen grüne Bergwiesen vor Saft, und oberhalb
des dunklen Waldgürtels ragen schneebedeckte Berge in den klaren
Himmel. In allen Himmelsrichtungen sehen wir Viertausender: Im Osten die
Mischabel-Gruppe, weiter rechts ragt das Nadelhorn keck aus einem gleissenden
Schneefeld, das in zerklüftetes Eis übergeht. Im Süden
hebt sich das Kleine Matterhorn wie eine Toblerone vom Horizont ab, das
Weisshorn überragt alle anderen. Das Brunegghorn zeigt majestätisch
seine Flanke, deren Schnee kein Snowboarder entweiht hat.
Daniel Wismer kann gut verstehen, dass die Alpen immer mehr zu einem grossen
Fun-Park werden. Zwischen Grossglockner und Mont Blanc gehen Städter
mit Mulis oder Lamas auf Trekking-Tour, tauschen für ein paar Tage
die Zwänge der Sesshaftigkeit gegen das freie Nomadenleben ein. Brave
Bürger stürzen sich mit vollgefederten Downhill-Bikes die Berge
hinunter und paddeln durchs Wildwasser. Wo man vor 15 Jahren wandern ging,
wird heute Canyoning, Heli-Bungee oder Zorbing angeboten. "Soft Adventure"
heisst das Zauberwort, und Trekking-Guide Wismer erklärt sich diesen
Trend so: "Die Leute sitzen im Büro, müssen sich an Normen
anpassen und haben seelische Langeweile. Im Urlaub suchen sie das Archaische.
Da muss man das Tier in sich herauslassen."
Auch Raja und Tsungu wollen's wissen. Während wir über den homo
touristicus räsonieren, messen die beiden Yak-Ochsen ihre Kräfte.
Sie stehen sich frontal gegenüber. Grunzen, Hörner verhaken
sich krachend, Vorderhufe stemmen sich in den Boden. Köpfe tief gesenkt,
schieben, drücken. Raja dreht sich schnaufend ab, von jetzt an gilt
Tsungu in der Hierarchie als der Stärkste. Tsungu heisst
Killer', und Wismer hat ihn so genannt, weil Tsungu ihn beim Absatteln
einmal angegriffen hat. Mit einem Sprung wie ein Torero konnte er sich
vor den spitzen Hörnern retten.
Als wir um eine Felszacke biegen, verschwindet der Weg im Schnee. Wir
haben jetzt Mitte Mai, noch sind nicht alle Reste der Lawinen geschmolzen.
Entwurzelte Bäume und geknickte Stämme lassen ahnen, wie gewaltig
ihre Wucht war. Das rutschige Schneefeld fällt schräg ab. Für
die Yaks ist das nichts Besonderes. Ihre schmalen Hufe finden verblüffend
sicher Tritt, leichtfüssig und spielerisch überqueren sie das
weisse Band. Das zottelige Fell ihrer Flanken berührt den schrägen
Untergrund. Raja macht noch zwei kräftige Sprünge, dann ist
er wieder auf festem Boden.
Hundert Meter weiter beschliesst Daniel Wismer umzukehren. Der Pfad versinkt
unter Schneemassen und taucht auch weiter oben nicht wieder auf. Wir müssen
ihn den Gruppen überlassen, die im Sommer kommen. Die Hochlandrinder
müssen wenden, weil das Gelände für Zweibeiner zu schwierig
wird. Beryl versucht sich als Tierpsychologin. "Die Yaks denken jetzt
wohl: Die spinnen, die Menschen."
Am Bergbauernhof sattelt Tsering Norbu die Tiere ab. Der Pfau mit der
blau schimmernden Brust, der zu Daniel Wismers Exotentierhaltung gehört,
ist aufs Haus geflogen und guckt zu. Das Dach ist mit silbergrauen Steinplatten
gedeckt, die 150 Jahre alten Balken der Wände sind von der Sonne
verbrannt. Bunte tibetische Gebetsfahnen flattern im Wind, am Balkon trocknen
bunte Handtücher. Schlüsselblumen und Löwenzahn geben den
grünen Almwiesen gelbe Tupfer. Sie fallen steiler ab als die Hausdächer
von Embd, die 300 Meter tiefer liegen. Nur ein Fussweg führt in das
Bergdorf hinunter.
Wieder dieses Schwebegefühl. Ab und zu kommen Esoteriker herauf,
erzählt Daniel Wismer. Und Gäste, die von der Sanftheit des
Buddhismus schwärmen. Aber der Herr der Yaks ist viel zu erdverbunden,
als dass er für sie einen Guru abgeben würde. Mit der Heckenschere
schneidet er dornige Ruten ab, die sich auf der Yak-Weide ausbreiten wollen,
klaubt Steine auf. Ja, sagt er, er wolle seinen Gästen tibetische
Kultur vermitteln. Aber er sucht die Balance zwischen Spiritualität
und Bodenständigkeit. "Deshalb mag ich die Yaks so, weil sie
Zuneigung genauso brauchen wie Härte", sagt er. Die Tiere leben
die Ausgewogenheit vor, die sich der Mensch ersehnt.
Yak-Trekking
Informationen: Daniel Wismer, Roti Flüo, CH-3926 Embd/Wallis
Telefon und Fax: 00 41-27-952 14 22.
Touren: Wismer bietet eine Tagestour mit vier Yaks ab 150 Schweizer Franken
an, die Übernachtung mit Halbpension kostet 40 SFr. Der Hof ist gemütlich
ausgebaut, man schläft in einem einfachen, aber sauberen Massenlager.
Wer mehr Komfort möchte, kann in Grächen oder Zermatt in Hotels
übernachten.
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