01.07.1999

Ochsentour in den Alpen

Tibetische Hochlandrinder in den Schweizer Bergen sind keine Laune der Natur, sondern ein Trend. Beim Yak-Trekking überträgt sich die Ruhe der Tiere auf die Menschen, wie Johannes Schweikle miterleben konnte

Lebensart
Raja trägt eine Glocke aus Nepal um den Hals. Aber er versteht Schwyzerdütsch. "Chömmet!" ruft Daniel Wismer, kommt! Da ist Raja nicht mehr zu halten. Das tibetische Hochlandrind senkt ein wenig den Kopf und setzt sich auf dem schmalen Bergweg in Bewegung. Seine Glocke fängt an zu bimmeln, und der zottelige Yak-Ochse legt so temperamentvoll Ios, als wolle er sich mit den drei Artgenossen hinter ihm bergauf ein Wettrennen liefern. Wismer, der vorneweg geht, muss seinen Wanderstecken quer halten und den Weg versperren, sonst würden die vier Yaks ihn überholen. Dann könnte der sehnige Mittdreissiger ihnen bis zur Passhöhe hinterherhecheln.

In Embd, einem kleinen Schweizer Bergdorf im Wallis, bricht Daniel Wismer zu einer Trekking-Tour auf. Wie bei den Treks im Himalaya tragen die Yaks Getränke, Proviant und Ausrüstung. Vor fünf Jahren hat Wismer in Embd einen alten Bergbauernhof gekauft und angefangen, Yaks zu züchten. Die Dörfler hielten den aus der Inner-Schweiz Zugereisten für einen Aussteiger, der auf 1600 Metern seinen Traum vom autonomen Leben verwirklichen möchte. Solche Spinner kannten sie: Die kamen und gaben nach einem Winter wieder auf. Und dieser Wismer trägt auch noch einen blonden Pferdeschwanz.
Heute zählt Daniel Wismers Herde 37 Yaks. Vor kurzem wurden zwei Kälber geboren. Sie sind jetzt so gross wie kleine Schafe und springen schon kühn wie die Gemsen über die steilste Weide. Yaks sind kleiner und schmaler als Kühe. Ein ausgewachsenes Tier wiegt 300 Kilo - etwa 400 Kilo weniger als eine der schwarzen Ehringerkühe, die auf den Wiesen unter uns grasen. Der Staat zahlt den Bergbauern für jede Kuh Subventionen. Wismer hat sie für seine Yaks ebenfalls beantragt. Die Behörde erkannte die tibetischen Hochlandrinder offiziell als Landschaftspfleger an. Einen Yak stufte sie als 0,8 Grossvieheinheiten ein.


Raja, "der König", hat geschwungene Hörner wie ein Galloway-Rind. Das schwarzbraune Fell mit den langen Zotteln erinnert an einen Bison. Zwischen seinen grossen dunklen Augen kräuseln sich wuschelige Locken auf der breiten Stirn. Dkapa, der hinter ihm trottet, hat glattes Haar und einen langen, schmalen Kopf wie ein Elch. Alle bewegen sich geschmeidig.
Hinter den Yaks geht Tsering Norbu Sipatsang. Der Tibeter ist 28 Jahre alt, sein Gesicht straff und bronzegebräunt. Um sein dunkles Haar hat er sich ein leuchtend rotes Taschung-Stirnband gebunden. Den Oberkörper hat er in eine schwarze Jacke gehüllt, bestickt mit goldenen Ranken und bunten Blumen. In Tibet hat er die 200 Yaks seiner Familie gehütet. In einer Hochebene, 4000 Meter über dem Meer, schlug er sein Zelt auf. Dort gab es keine Zäune. Wenn er die Tiere morgens melken wollte, lockte er sie mit einer Mischung aus Salz und Mehl an. Seine Eltern machten aus der süssen, fetten Milch Butter, Käse und Yoghurt. Aus den langen Yakhaaren woben Frauen Planen und Satteldecken, aus der weichen Unterwolle strickten sie Pullover.
Der Yak ist das wichtigste Nutztier des Himalaya. In Nepal schmücken Yaks sogar den Fünf-Rupien-Schein. Bei den Aufständen in Lhasa 1986 nahmen die Chinesen der Familie von Tsering Norbu mehr als die Hälfte ihrer Yaks weg. Dem Hirten blieben nur noch 70 Tiere. Er schloss sich den Demonstranten an, die gegen die Besatzer protestierten. Später musste er nach Europa fliehen. Heute hilft er Daniel Wismer beim Yak-Trekking im Wallis, in den Sommermonaten kommt noch ein Scherpa hinzu.

      

"Yak oben Freude", sagt der Tibeter. In gebrochenem Deutsch erklärt er, warum die Tiere beim Aufstieg kaum zu halten sind: Sie wollen in die Hochlagen, wo sie sich am wohlsten fühlen. Oben ist es kühler, stechen nicht so viele Mücken. Dort gibt es das klarste Wasser und das frischeste Gras. "Daniel, bizzli langsam", ruft er dem Führer zu. "Dann wird Yak ruhig."
Streckenweise ist der Weg in die Wand gehauen. Ein Felsüberhang wölbt sich über unsere kleine Karawane. Wir wandern leicht und unbeschwert bergauf - selbst die zur Vorsicht eingepackten warmen Jacken werden von den Yaks getragen. Eine alte Trockenmauer stützt den rechten Wegrand. Dahinter geht's fast senkrecht in die Tiefe. Schon die Römer sind auf diesem Pfad gegangen. Über den 2900 Meter hohen Augstbordpass kamen sie ins Turtmanntal. Wer will, kann von dort bis zum Mont Blanc weiterwandern.
Die Glocken der Yaks bimmeln in gleichmässigem Rhythmus. Ihre zotteligen Körper schaukeln im Takt den Berg hoch. Die Gleichförmigkeit dieser Bewegung überträgt sich als Ruhe auf uns Wanderer. Die Welt reduziert sich auf den Berg, die Sinne nehmen ihn jetzt

mit seinen Kleinigkeiten wahr. Sie riechen den warmen, harzigen Duft des Holzes, spüren den weichen Teppich aus goldbraunen Lärchennadeln, die im vergangenen Herbst abgefallen sind. Beryl aus Zürich, die mit ihrer Freundin für ein Wochenende zum Yak-Trekking ins Wallis gekommen ist, nimmt einen Zweig in die Hand und betrachtet fasziniert die zarten violetten Knospen, aus denen Lärchenzapfen werden.
An der Schwarzen Blatte lässt Daniel Wismer halten. Tsering Norbu nimmt die Rucksäcke von den Tragsätteln der Yaks-Mittagsrast. Wir lagern auf einer komfortablen glattgeschliffenen Felsplatte, und scheinen auf einem 2000 Meter hohen Balkon über der Welt zu schweben. Unter uns liegt das tief eingekerbte Mattertal, dem Alltag bleibt der Weg nach oben versperrt. Hier strotzen grüne Bergwiesen vor Saft, und oberhalb des dunklen Waldgürtels ragen schneebedeckte Berge in den klaren Himmel. In allen Himmelsrichtungen sehen wir Viertausender: Im Osten die Mischabel-Gruppe, weiter rechts ragt das Nadelhorn keck aus einem gleissenden Schneefeld, das in zerklüftetes Eis übergeht. Im Süden hebt sich das Kleine Matterhorn wie eine Toblerone vom Horizont ab, das Weisshorn überragt alle anderen. Das Brunegghorn zeigt majestätisch seine Flanke, deren Schnee kein Snowboarder entweiht hat.
Daniel Wismer kann gut verstehen, dass die Alpen immer mehr zu einem grossen Fun-Park werden. Zwischen Grossglockner und Mont Blanc gehen Städter mit Mulis oder Lamas auf Trekking-Tour, tauschen für ein paar Tage die Zwänge der Sesshaftigkeit gegen das freie Nomadenleben ein. Brave Bürger stürzen sich mit vollgefederten Downhill-Bikes die Berge hinunter und paddeln durchs Wildwasser. Wo man vor 15 Jahren wandern ging, wird heute Canyoning, Heli-Bungee oder Zorbing angeboten. "Soft Adventure" heisst das Zauberwort, und Trekking-Guide Wismer erklärt sich diesen Trend so: "Die Leute sitzen im Büro, müssen sich an Normen anpassen und haben seelische Langeweile. Im Urlaub suchen sie das Archaische. Da muss man das Tier in sich herauslassen."
Auch Raja und Tsungu wollen's wissen. Während wir über den homo touristicus räsonieren, messen die beiden Yak-Ochsen ihre Kräfte. Sie stehen sich frontal gegenüber. Grunzen, Hörner verhaken sich krachend, Vorderhufe stemmen sich in den Boden. Köpfe tief gesenkt, schieben, drücken. Raja dreht sich schnaufend ab, von jetzt an gilt Tsungu in der Hierarchie als der Stärkste. Tsungu heisst

Killer', und Wismer hat ihn so genannt, weil Tsungu ihn beim Absatteln einmal angegriffen hat. Mit einem Sprung wie ein Torero konnte er sich vor den spitzen Hörnern retten.
Als wir um eine Felszacke biegen, verschwindet der Weg im Schnee. Wir haben jetzt Mitte Mai, noch sind nicht alle Reste der Lawinen geschmolzen. Entwurzelte Bäume und geknickte Stämme lassen ahnen, wie gewaltig ihre Wucht war. Das rutschige Schneefeld fällt schräg ab. Für die Yaks ist das nichts Besonderes. Ihre schmalen Hufe finden verblüffend sicher Tritt, leichtfüssig und spielerisch überqueren sie das weisse Band. Das zottelige Fell ihrer Flanken berührt den schrägen Untergrund. Raja macht noch zwei kräftige Sprünge, dann ist er wieder auf festem Boden.
Hundert Meter weiter beschliesst Daniel Wismer umzukehren. Der Pfad versinkt unter Schneemassen und taucht auch weiter oben nicht wieder auf. Wir müssen ihn den Gruppen überlassen, die im Sommer kommen. Die Hochlandrinder müssen wenden, weil das Gelände für Zweibeiner zu schwierig wird. Beryl versucht sich als Tierpsychologin. "Die Yaks denken jetzt wohl: Die spinnen, die Menschen."
Am Bergbauernhof sattelt Tsering Norbu die Tiere ab. Der Pfau mit der blau schimmernden Brust, der zu Daniel Wismers Exotentierhaltung gehört, ist aufs Haus geflogen und guckt zu. Das Dach ist mit silbergrauen Steinplatten gedeckt, die 150 Jahre alten Balken der Wände sind von der Sonne verbrannt. Bunte tibetische Gebetsfahnen flattern im Wind, am Balkon trocknen bunte Handtücher. Schlüsselblumen und Löwenzahn geben den grünen Almwiesen gelbe Tupfer. Sie fallen steiler ab als die Hausdächer von Embd, die 300 Meter tiefer liegen. Nur ein Fussweg führt in das Bergdorf hinunter.
Wieder dieses Schwebegefühl. Ab und zu kommen Esoteriker herauf, erzählt Daniel Wismer. Und Gäste, die von der Sanftheit des Buddhismus schwärmen. Aber der Herr der Yaks ist viel zu erdverbunden, als dass er für sie einen Guru abgeben würde. Mit der Heckenschere schneidet er dornige Ruten ab, die sich auf der Yak-Weide ausbreiten wollen, klaubt Steine auf. Ja, sagt er, er wolle seinen Gästen tibetische Kultur vermitteln. Aber er sucht die Balance zwischen Spiritualität und Bodenständigkeit. "Deshalb mag ich die Yaks so, weil sie Zuneigung genauso brauchen wie Härte", sagt er. Die Tiere leben die Ausgewogenheit vor, die sich der Mensch ersehnt.


Yak-Trekking
Informationen: Daniel Wismer, Roti Flüo, CH-3926 Embd/Wallis
Telefon und Fax: 00 41-27-952 14 22.
Touren: Wismer bietet eine Tagestour mit vier Yaks ab 150 Schweizer Franken an, die Übernachtung mit Halbpension kostet 40 SFr. Der Hof ist gemütlich ausgebaut, man schläft in einem einfachen, aber sauberen Massenlager. Wer mehr Komfort möchte, kann in Grächen oder Zermatt in Hotels übernachten.