Beobachter: 05.02.1999

"Ich war ein Tibeter"

AUFGEZEICHNET VON CHRISTIAN SCHMIDT
FOTO: MANUEL BAUER/LOOKAT

Seit fünf Jahren lebt Daniel Wismer auf der Rotfluh, hoch über dem Walliser Mattertal. Auf 1650 Meter über Meer züchtet der 34jährige Aussteiger asiatische Hochlandrinder - "die perfekte Alternative zum einheimischen Vieh".

Ich werde zum Tier hier oben. Das will nicht heissen, dass ich mich nicht mehr wasche oder auf allen vieren herumkrieche. Ich habe eine Waschmaschine, die dritte übrigens. Die ersten beiden killte die Kälte. Doch ich nähere mich meinen Tieren immer mehr an. Ich meine damit: Ich versuche mich in sie hineinzufühlen, um sie besser zu verstehen. Hier oben, 1650 Meter über Meer, ist der richtige Ort für solche Experimente. Ich bin der Schöpfung nahe: Jesus, Allah, Buddha - allen miteinander.
Meine Tiere sind Yaks, zottige Fellhaufen. Sie staksen um das Haus herum und grunzen, 34 insgesamt. Kürzlich brachen sie durch den Zaun, zogen los über die Felsen, durch den Lärchenwald. Nach zwei Kilometern holte ich sie ein. Als ich sie rief, drehten sie sich um und kehrten zurück. Unglaublich! Das tun sie, weil ich sie verstehe.
Ich lebe allein hier oben, meistens jedenfalls. Ich bin Einsamkeit gewohnt. Als meine Eltern starben, war ich fünfzehn. Ich ging auf Reisen, durch dreissig Länder, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Im Sommer 1986 hatte ich eine Eingebung. Mitten auf dem Durban Square in Katmandu erkannte ich, was das Leben von mir will. In Tibet hatte ich Yaks gesehen, in Nepal sah ich den Zusammenhang: Die Tiere sind mein Auftrag, ich muss mich ihnen widmen.
Die Eingebung war wie eine Vision. Viel-leicht, weil ich in meinem letzten Leben Tibeter war und die Yaks in Tibet heimisch sind. Ich bin 1959 gestorben; im Aufstand von Lhasa traf mich eine chinesische Kugel. Das jedenfalls hatte ich mal geträumt.
Ich kehrte in die Schweiz zurück und begann nach einem Ort zu suchen, an dem ich meine Vision verwirklichen konnte. Über dem Haus muss ein Adler seine Kreise ziehen, das hatte ich geträumt. Ich suchte lang, dann erschien in der "Grünen" ein Inserat: "Heimet zu verkaufen in der Walliser Gemeinde Embd". Als ich das erste Mal im Mauertal war und zur Rotfluh hinaufschaute, zu den beiden sonnenverbrannten Häuschen, sah ich den Adler.
Seit April 1994 lebe ich auf der Rotfluh. Geister wie ich haben keinen Platz im Gewühl des Unterlands. Sie sind zu eigenwillig. Als ich das letzte Mal im Tal einkaufen ging, wurde ich von der Polizei in die Mangel genommen. Ausweiskontrolle! Solche Dinge passieren mir regelmässig. Dabei ging ich nur der Strasse entlang.

"Hier hat's genug Platz"
Die Unterwelt speit mich immer wieder aus, ich kann nur hier oben so sein, wie ich bin. Hier hat's genug Platz; ich kann Techno übers Land dröhnen lassen und das Heliomalt direkt aus der Büchse essen. Mein Eremiten-leben hat aber auch zur Folge, dass ich immer eigenartiger werde. Hier oben ist niemand, der mir einen Spiegel hinhält und sagt: Wismer, hör auf, so geht das nicht!

zuvielsein kann. Wir fuhren ein halbes Jahr lang Achterbahn, voll Turbo, Himmel und Hölle. Wir erlebten in dieser kurzen Zeit, was andere Paare in zehn Jahren durchmachen. Kurz vor Neujahr hat sie dann gepackt. Jetzt muss ich das Kreuz der Trennung tragen.

"Landwirtschaftliche Vision"
Ich arbeite hier oben an meiner Vision: Ich will mit den Yaks neue Wege in der Berg-landwirtschaft aufzeigen. Diese asiatischen Hochlandrinder sind eine perfekte Alternative zum einheimischen Vieh. Sie sind leicht, ver-ursachen keine Erosion, fressen das Gras noch schöner ab als die Schafe, brauchen auch im tiefsten Winter keinen Stall - und noch nie ist einer meiner Yaks am Rinder-wahnsinn erkrankt.
Die Yaks zeigen einen Ausweg aus der Sackgasse. Darauf will ich aufmerksam machen. Dieses Jahr will ich sie erstmals melken. Das ist nicht einfach, aber es wird mir gelingen. Ich kann die Tiere inzwischen aus der Hand füttern, weil ich innerlich die richtige Haltung habe. Sonst hätte ich keine Chance. Die Yaks spüren das, sie sind sehr sensibel.
Jetzt bin ich wieder auf der Suche nach einer Frau. Das Interesse an einem Berg-bauern, der "Orte der Kraft" von Blanche Merz liest und das tibetische Totenbuch auswendig kennt, zumindest einen Teil davon, ist gar nicht schlecht. Nachdem ich letztes Jahr im deutschen Fernsehen in einer Talk-Show aufgetreten war, erhielt ich bis spät in

die Nacht Anrufe. Ein Brief kam sogar aus Mali. Aber es ist nichts daraus geworden.
Ich scheine vor allem Frauen anzusprechen, die mich mit einer esoterischen Therapie plagen wollen. Auch Krankenschwestern melden sich oft. Aber ich brauche weder Pflege, noch will ich afrikanische Tänze hier oben. Ich bin tibetisch veranlagt!
Was soll's. Vielleicht ist es gar nicht sinnvoll, wenn ich heirate und Kinder zeuge. Ich glaube nicht, dass die Welt noch mehr Typen wie mich erträgt. Es gäbe nur noch mehr Durcheinander und politisches Hickhack.

"Ich liebe die Einsamkeit"
Abgesehen vom Herzschmerz liebe ich die Einsamkeit. Seit ich wieder allein bin, fahren mir die Sonnenaufgänge hier oben ein wie am ersten Tag. Extrem! Göttlich! Das putzt die Seele durch, da liegt der Sinn des Lebens auf der Fussmatte. Inschalla! Ich bin glücklich, wenn der Wind in meine tibetischen Gebets-fahnen vor dem Haus bläst und sie knattern. Dabei zuzuschauen ist fast so schön wie küssen.
Aber vielleicht sollte ich trotzdem Kinder machen: mit einer Frau vom Stamm der kriegerischen Kampa-Nomaden aus dem Osten Tibets. Die hätte Dampf. Aber dann sollte ich gleich so viele Kinder zeugen, dass die Welt kopfsteht.