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Landwirtschaft: Innovation ins Feld geführt
Nicht alle Landwirte jammern über die Agrarpolitik des Bundes und
die Pleite von Swiss Dairy Food. Einige Pioniere sind mit Mut zum Risiko
frühzeitig in Marktnischen ausgewichen.
Von Christian Kaiser und Simon Thönen
Bild: Daniel Rihs
Ein kleines Tibet im Wallis
Wismer bauert dort, wo selbst die Hühner Steigeisen benötigen,
wie die Walliser sagen: oberhalb Embds VS, auf 1650 Metern, an den Steilhängen
des Mattertals. Neben Hühnern bevölkern neun afrikanische Perlhühner,
16 Pfaue, drei nepalesische Fasane, zwei Minipigs, 16 Brieftauben, ein
Hund und ein Siebenschläfer namens Toni seinen Hof. Und an den Gattern
seiner Wiesen warnt ein Schild die Wanderer: «Bewahren Sie in Tiernähe
stets die Ruhe, Sie betreten ein Weidegebiet von Hausyaks.»

Wismer schwört auf Yaks. «Gegen die kommt in den Bergen höchstens
eine Geiss an», sagt er. Sie seien anspruchslos, hätten keine
Klauenprobleme und verursachten kaum Tierarztkosten. «Ein Meter
Schnee macht denen nichts aus», betont Wismer. 45 dieser zotteligen
Urviecher, deren Heimat das Himalajagebirge ist, stehen sommers wie winters
auf den 32 Hektaren Bergweiden rund um Embd, die Wismer bewirtschaftet.
Dieses Jahr kamen zehn Yakkälbchen auf die Welt, ein Zuchterfolg,
auf den Wismer stolz ist. Sie sind praktisch verkauft, die meisten lebend
an andere Züchter. Trotzdem klingelt sein Telefon regelmässig,
weil tibetische oder mongolische Restaurants bei ihm Steaks und Filets
einkaufen möchten. Yakfleisch gilt als besonders zart, hat mehr Protein
und weniger Fett als Rindfleisch.
Die extensive Yakhaltung ermöglicht es ihm, sich vor allem um die
Landschaftspflege zu kümmern: Magerwiesen pflegen, Trockenmauern
erhalten und Wasserkanäle sanieren. Als Gegenleistung für seine
Arbeit erhält der Biobauer mit Knospen-Zertifizierung vom Bund Viehhalterbeiträge,
Flächen- und Ökobeiträge, Sonderzahlungen für Hangbewirtschaftung
und besonders tierfreundliche Haltung alles in allem rund 80000
Franken.
In Embd ist er der letzte vollberufliche Bauer. Wismer würde seinen
Betrieb gern auf mindestens 50 Hektaren ausbauen. Die «Himalajakühe»
könnten vier bis fünf zusätzlichen Bauernfamilien in Embd
ein Auskommen bieten, doch der Widerstand gegen das Neue hält noch
immer an: «Die traditionellen Subventionsbauern haben nur ein müdes
Lächeln für uns Exotenhalter übrig. Aber die wird es in
20 Jahren nicht mehr geben.»
Als er 1995 mit dem ersten Yakpaar anfing, begegneten die Einheimischen
dem Flachländer aus dem Kanton Zug mit viel Misstrauen. Doch Wismer
wusste: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man mich entdeckt.»
Denn er schuf etwas völlig Neues für die Landwirtschaft und
den Tourismus: einen Yakhof in den Schweizer Alpen mit einer atemberaubenden
Aussicht auf zehn verschneite Viertausender Tibet im Wallis. Für
sein Guesthouse Yak Tsang Ling (Ort der Yaks) wirbt er im Tal mit einer
Tafel: «24 hours hot shower, good view of mountains, you can see
yak». 400 Übernachtungen verzeichnete er im letzten Jahr.
Hauptattraktion sind die Trekkings auf den Augstbordpass. Sechs Ochsen
tragen Essen und Gepäck auf 2500 Meter hoch, die Gäste übernachten
dort in einem tibetischen Sonntagszelt, bevor sie das 3020 Meter hohe
Schwarzhorn besteigen. Normalerweise findet die Tour unter der Leitung
eines tibetischen Sherpas statt, aber dieses Jahr kam die Arbeitsbewilligung
nicht rechtzeitig. «In den Amtsstuben müsste halt auch ein
anderer Wind wehen, der neue Ideen fördert», sagt Wismer.
Er unterstützt Couchepins Landwirtschaftspolitik voll: «Den
meisten Bauern ist der Innovationsgeist längst wegsubventioniert
worden», sagt er. Das Gros der Bauern habe immer noch das Gefühl,
sie könnten wie zu Gotthelfs Zeiten weiter fuhrwerken. Auch von Gewerblern
würden schliesslich Erneuerung und Marktanpassung verlangt. «Die
Bauern müssen den Kunden Erlebniswelten verkaufen», ist Wismer
überzeugt.
Das schwebt auch Bundesrat Pascal Couchepin vor. «Wir brauchen
auch bei der Ernährung Träume», sagte er in einem Interview
mit der NZZ. Erfolg hänge von der Fähigkeit ab, Produkte zu
entwickeln, die einen Mehrwert bringen. Bei Lecomte und Wismer geschieht
das über Traumwelten, die in vielen schlummern: einmal neben Büffelherden
durch den Wilden Westen reiten oder mit Yaks die Hänge schneebedeckter
Gipfel besteigen.
Couchepin will, dass die Bauern sich für den globalen Markt rüsten.
Einige Findige haben das längst getan, indem sie die Welt in die
Schweiz gebracht haben: Alpakas aus den Anden, Strausse aus Afrika oder
Wasserbüffel aus Rumänien. Michael Buchmann, der bei der Landwirtschaftlichen
Beratungszentrale Lindau (LBL) für die Nischentierhaltung zuständig
ist, erhält jede Woche mindestens eine Anfrage von einem Bauern,
der sich nach neuen Zuchtmöglichkeiten umsieht. «Die Exoten
bieten durchaus Chancen», sagt er.
Einen Boom verzeichnen die so genannten Neuweltkameliden; dazu gehören
die Lamas und Alpakas. Buchmann schätzt, dass in diesem Jahr bereits
2300 bis 2700 Lamas und Alpakas auf Schweizer Wiesen weiden. Eine rasante
Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die ersten Lamas erst vor zehn Jahren
in die Schweiz kamen. Wie bei den Yaks gibt es hierzulande auch bei den
Neuweltkameliden ausreichendes Interesse für lebende Tiere. «Und
nachher braucht es ein Produkt, das sich verkauft», sagt Buchmann,
«sei es Trekking, Fleisch oder Wolle.»
Vorerst brauchen die Nischentierhalter einen breiten Rücken, um
Auseinandersetzungen mit Behörden, Umwelt- und Tierschützern
oder gar Pöbeleien von konventionellen Bauern durchzustehen. «Es
ist immer dasselbe», sagt Buchmann. «Eine neue Tierart wird
zuerst belächelt, dann wird sie bekämpft, und eines Tages ist
sie selbstverständlich.» Im Gegensatz zu Yakbauer Wismer ist
Buchmann überzeugt, dass keines der Nischentiere wirklich massentauglich
ist, «aber sie bringen den Bauern einen Zustupf». Er kennt
beispielsweise Landwirte, die mit Hirschzucht mehr Ertrag erzielen als
mit Ackerbau.
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