30.05.2002

Landwirtschaft: Innovation ins Feld geführt

Nicht alle Landwirte jammern über die Agrarpolitik des Bundes und die Pleite von Swiss Dairy Food. Einige Pioniere sind mit Mut zum Risiko frühzeitig in Marktnischen ausgewichen.

Von Christian Kaiser und Simon Thönen
Bild: Daniel Rihs

Ein kleines Tibet im Wallis
Wismer bauert dort, wo selbst die Hühner Steigeisen benötigen, wie die Walliser sagen: oberhalb Embds VS, auf 1650 Metern, an den Steilhängen des Mattertals. Neben Hühnern bevölkern neun afrikanische Perlhühner, 16 Pfaue, drei nepalesische Fasane, zwei Minipigs, 16 Brieftauben, ein Hund und ein Siebenschläfer namens Toni seinen Hof. Und an den Gattern seiner Wiesen warnt ein Schild die Wanderer: «Bewahren Sie in Tiernähe stets die Ruhe, Sie betreten ein Weidegebiet von Hausyaks.»

Wismer schwört auf Yaks. «Gegen die kommt in den Bergen höchstens eine Geiss an», sagt er. Sie seien anspruchslos, hätten keine Klauenprobleme und verursachten kaum Tierarztkosten. «Ein Meter Schnee macht denen nichts aus», betont Wismer. 45 dieser zotteligen Urviecher, deren Heimat das Himalajagebirge ist, stehen sommers wie winters auf den 32 Hektaren Bergweiden rund um Embd, die Wismer bewirtschaftet. Dieses Jahr kamen zehn Yakkälbchen auf die Welt, ein Zuchterfolg, auf den Wismer stolz ist. Sie sind praktisch verkauft, die meisten lebend an andere Züchter. Trotzdem klingelt sein Telefon regelmässig, weil tibetische oder mongolische Restaurants bei ihm Steaks und Filets einkaufen möchten. Yakfleisch gilt als besonders zart, hat mehr Protein und weniger Fett als Rindfleisch.

Die extensive Yakhaltung ermöglicht es ihm, sich vor allem um die Landschaftspflege zu kümmern: Magerwiesen pflegen, Trockenmauern erhalten und Wasserkanäle sanieren. Als Gegenleistung für seine Arbeit erhält der Biobauer mit Knospen-Zertifizierung vom Bund Viehhalterbeiträge, Flächen- und Ökobeiträge, Sonderzahlungen für Hangbewirtschaftung und besonders tierfreundliche Haltung – alles in allem rund 80000 Franken.

In Embd ist er der letzte vollberufliche Bauer. Wismer würde seinen Betrieb gern auf mindestens 50 Hektaren ausbauen. Die «Himalajakühe» könnten vier bis fünf zusätzlichen Bauernfamilien in Embd ein Auskommen bieten, doch der Widerstand gegen das Neue hält noch immer an: «Die traditionellen Subventionsbauern haben nur ein müdes Lächeln für uns Exotenhalter übrig. Aber die wird es in 20 Jahren nicht mehr geben.»

Als er 1995 mit dem ersten Yakpaar anfing, begegneten die Einheimischen dem Flachländer aus dem Kanton Zug mit viel Misstrauen. Doch Wismer wusste: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man mich entdeckt.» Denn er schuf etwas völlig Neues für die Landwirtschaft und den Tourismus: einen Yakhof in den Schweizer Alpen mit einer atemberaubenden Aussicht auf zehn verschneite Viertausender – Tibet im Wallis. Für sein Guesthouse Yak Tsang Ling (Ort der Yaks) wirbt er im Tal mit einer Tafel: «24 hours hot shower, good view of mountains, you can see yak». 400 Übernachtungen verzeichnete er im letzten Jahr.

Hauptattraktion sind die Trekkings auf den Augstbordpass. Sechs Ochsen tragen Essen und Gepäck auf 2500 Meter hoch, die Gäste übernachten dort in einem tibetischen Sonntagszelt, bevor sie das 3020 Meter hohe Schwarzhorn besteigen. Normalerweise findet die Tour unter der Leitung eines tibetischen Sherpas statt, aber dieses Jahr kam die Arbeitsbewilligung nicht rechtzeitig. «In den Amtsstuben müsste halt auch ein anderer Wind wehen, der neue Ideen fördert», sagt Wismer.

Er unterstützt Couchepins Landwirtschaftspolitik voll: «Den meisten Bauern ist der Innovationsgeist längst wegsubventioniert worden», sagt er. Das Gros der Bauern habe immer noch das Gefühl, sie könnten wie zu Gotthelfs Zeiten weiter fuhrwerken. Auch von Gewerblern würden schliesslich Erneuerung und Marktanpassung verlangt. «Die Bauern müssen den Kunden Erlebniswelten verkaufen», ist Wismer überzeugt.

Das schwebt auch Bundesrat Pascal Couchepin vor. «Wir brauchen auch bei der Ernährung Träume», sagte er in einem Interview mit der NZZ. Erfolg hänge von der Fähigkeit ab, Produkte zu entwickeln, die einen Mehrwert bringen. Bei Lecomte und Wismer geschieht das über Traumwelten, die in vielen schlummern: einmal neben Büffelherden durch den Wilden Westen reiten oder mit Yaks die Hänge schneebedeckter Gipfel besteigen.

Couchepin will, dass die Bauern sich für den globalen Markt rüsten. Einige Findige haben das längst getan, indem sie die Welt in die Schweiz gebracht haben: Alpakas aus den Anden, Strausse aus Afrika oder Wasserbüffel aus Rumänien. Michael Buchmann, der bei der Landwirtschaftlichen Beratungszentrale Lindau (LBL) für die Nischentierhaltung zuständig ist, erhält jede Woche mindestens eine Anfrage von einem Bauern, der sich nach neuen Zuchtmöglichkeiten umsieht. «Die Exoten bieten durchaus Chancen», sagt er.

Einen Boom verzeichnen die so genannten Neuweltkameliden; dazu gehören die Lamas und Alpakas. Buchmann schätzt, dass in diesem Jahr bereits 2300 bis 2700 Lamas und Alpakas auf Schweizer Wiesen weiden. Eine rasante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die ersten Lamas erst vor zehn Jahren in die Schweiz kamen. Wie bei den Yaks gibt es hierzulande auch bei den Neuweltkameliden ausreichendes Interesse für lebende Tiere. «Und nachher braucht es ein Produkt, das sich verkauft», sagt Buchmann, «sei es Trekking, Fleisch oder Wolle.»

Vorerst brauchen die Nischentierhalter einen breiten Rücken, um Auseinandersetzungen mit Behörden, Umwelt- und Tierschützern oder gar Pöbeleien von konventionellen Bauern durchzustehen. «Es ist immer dasselbe», sagt Buchmann. «Eine neue Tierart wird zuerst belächelt, dann wird sie bekämpft, und eines Tages ist sie selbstverständlich.» Im Gegensatz zu Yakbauer Wismer ist Buchmann überzeugt, dass keines der Nischentiere wirklich massentauglich ist, «aber sie bringen den Bauern einen Zustupf». Er kennt beispielsweise Landwirte, die mit Hirschzucht mehr Ertrag erzielen als mit Ackerbau.